(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Über den Selbstmord - insbesondere den Schülerselbstmord"

i 



Diskussionen 



iles 



Wiener psychoanalytischen Vereins. 



Herausgegeben 

von der Vereinsleitung. 

I. Heft. ■.■==^ s=s . 



Über den Selbstmord 



insbesondere den 



Schüler-Selbstmord 



Beitrüge von: 

Dr. .Alfred Adler, Professor S. Freud, Dr. J. K. Friedjung, Dr. Karl Molitor, 
l»r. R. Rcitler, Dr. J. Sadger, Dr. W. Stekel, Unus multorum. 



Wiesbaden. 



Verlag von J. F. Borgmann. 
1910. 



--.,„¥*V.-,V««v , 



' * t- ' * ■< ""V v "'^•vi'";-^.''' 1 !.--' 



d 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Sexualleben unD Nervenleiden 

Die nervösen Störung-en 
sexuellen Ursprungs. 

Von 

Dr. Leopold Loeweufelrt, 

Spezialarzt für Nervenkrankheiten in München. 



Vierte, wollig umgearbeitete nnd sehr vermehrte Auflage. 



Preis Mk. 7.—. Gebunden Mk. 8.—. 



Aus Besprechungen: 
Von dem rühmlichst bekannten Werke liegt jetzt bereits die 
vierte Auflage vor. Bei den vielfach verbreiteten irrigen Meinungen 
über dieses Gebiet, bei der grossen Gleichgültigkeit auf der einen Seite, 
dem durch schlechte Literatur genährten Pessimismus auf der anderen 
ist es freudig zu begrüssen, dass wir in dem Loewenfeldschen 
Buche ein Werk besitzen, das ruhig und sachlich aufklärend in einer 
auch für gebildete Laien verständlichen Form die gesamte Klinik, 
Pathologie und Therapie des Sexuallebens und der mit ihm in Beziehung 
stehenden Nervenleiden erschöpfend behandelt. 

Im übrigen braucht auf die bekannten Vorzüge des Werkes nicht 
weiter eingegangen zu werden. Die zweckentsprechende und Über- 
sichtliche Gliederung., und Anordnung aes- Stoffes, die streng wissen- 
schaftliche Objektivität der Schilderung, die Berücksichtigung auch der 
'abweichenden Meinungen anderer Forscher auf diesem Gebiete lassen 
inbezug auf Vollständigkeit keine Wünsche übrig. Der Fachmann wie 
der gebildete Laie werden in gleichem Maße aus der Lektüre des 
anregend geschriebenen Werkes Nutzen ziehen. 

, Münchener Allgemeine Zeitung. 






rf, a i '. i nurjHi i ü «» 



«#"•— — 



1 



Diskussionen 



lies 



Wiener psychoanalytischen Vereins. 



Herausgegeben 

von der Vereinsleitung-. 

I. Heft. ,=•=, 



Über den Selbstmord 



insbesondere den 



Schüler-Selbstmord 



Beiträge von: 

Dr. Alfred Adler, Professor S. Freud, Dr. J. K. Friedjung, Dr. Karl Molitor, 
Di. K. Beitier, Dr. J. Sadger, Dr. W. Stekel, Unus multorum. 



Wiesbaden. 

V erlag v o n J. F. Bergmann. 
1910. 



Nachdruck verboten. 
Das Recht der Übersetzung in alle Sprachen bleibt rorbehnltiu. 






Vorwort. 



Die Herausgabe der „Wiener psychoanalytischen Diskussionen" 
verfolgt in erster Linie den Zweck, psychologische Probleme, die für 
das öffentliche Wohl von Interesse sind, vor einem grösseren Kreis von 
Ärzten. Psychologen und Pädagogen von einem Standpunkte aus 
anzugreifen, wie er sich bei Befolgung der psychoanalytischen 
Methode ergibt. Über die Mängel einer derartigen Veröffentlichung 
gegenüber einer geschlossenen Darstellung ist sich der Verein als 
Herausgeber vollkommen bewusst. Sie bestehen vor allem darin, dass 
einmal Verschiedenheiten der Ergebnisse einträchtig nebeneinander 
stehen und gleichzeitig dem Leser geboten werden, dass ein andermal 
Einzel IViii-. Mi des Themas nicht vollwertig betont erscheinen. Doch mag 
erstures den verschiedenen Stand der psychoanalytischen Erfahrung 
keim/n. I.nen, letzteres im Wesen der Diskussion gelegen sein und auch 
durch iuu htriigliche Ausarbeitung des gesprochenen Wortes sclnverlich 
verringert werden, — die Vorteile dieser Art von Publikationen sind 
so unverkennbar, dass sie den Entschluss des Vereines rechtfertigen 
können. Vor allem bleibt der unmittelbare Zusammenhang mit den 
Ergebni.-.-.-n der Psychoaualyse gewahrt, da jeder Autor gezwungen ist, 
auf seine |»ei;sönlichen Erfahrungen zurückzugreifen. Andererseit°s wirkt 
die Erwartung einer sofortigen Kritik anders als beim Bücherschreiben 
fördernd ,.uf die strenge Selbstzucht der Gedanken. Wie weit dies den 
Mitarbeitern gelungen ist und ob die Unmittelbarkeit der rednerischen 
Wirkung M'ch wenigstens teilweise in einer Schrift widerspiegeln kann, 
.soll der Leser entscheiden. 

Seit 7. .Iah reu ungefähr tauscht ein Kreis von Ärzten und Psycho- 
logen in Wien, der sich die Pflege der Psychoanalyse zur Aufgabe 
gestellt hat. seine Erfahrungen in wöchentlichen Diskussionsabenden 
iius. Dieser Kreis war von den Arbeiten Breuers und Freuds aus- 
gegangen, und ihm ist «lie Entwicklung der Methode und der 
iOrlVilmiuu.il der Psychoanalyse in erster Linie zu danken. Seither hat 
die pMelioanaluse in allen Gegenden der Welt Pflanzstätten gefunden. 
Du- Zahl der Mitarbeiter ist heute schon beträchtlich und rasch im 
Steigen bigiiileii. Und wir haben guten Grund zu hoffen, dass wir 



Vorwort. 

L ... «»r?ts;c^= r 'viT 

Zeit die kritischen Köpfe »,«*■ \ g Glaube „ und AtrtonMJ hm 

ttb er das Wesen * >™*?^S£L* «-«• »• «?' ! 

Mm 7jWe cke der Behandlung ne voser a ta , tc ,. und Ine et 

sie in der Folge von Freud und ^ine ^ ( . , sm „ „, 

gegenwärtig eine Handhabe H**^ und dere „ ui.hewuastei, 
Ld Kranken in zweifacher Richtung aufzuk, g ch „ „ichtung. 

Mechanismus bewusst su -*"■ '[^ En dRescl.cb-"s .»f- 
d .l. die Q^nen eines P oh » 1U veriolgon 

zudecken und die Entwickeln g P Korrl .l»t.nn im 

,, in dynamischer Richtung * ^.^^ ^ 

Triebleben, sei es a « «"•*%« Aussenwelt. fern,.,- die 
Triebe zu den Anspannungen oe Trie)) lobens und 

kompensatorische ^g^ ^O^ba» fest,n S t,,le„. 
deren Störung im W£™, uU nu „ durin. dass „nbe- 
üer therapeutische EH kt>^s J( , Indi vil , „ ,,,„* ins 

wusste psychische E .n. teil» B sie i|eh ,„, T,,l »I 
ßewusstsein gebracht wer* ^ %u .„„„.trieben 

durch die EntWickelung übe. ho 
„»d korrigierbar erweisen. ^ ^.^ ,,,,,,. 

Die P^-«* toC ^ M d :f cl d ytematischen Abbau und Kedukt.on 
teilungen des Patienten, um du« *J aUe n Symptomen gerne.. - 

der Wch^^f^^^rko^ruieren. US. HM*** 

sehaftliche ^»^"^taTl erweisen, da der vornnsgeseUten 
dieses Ergebnisses lasst ^ sich jedesma ^.^ ^..^ 

pathogenen Situation des W— ' Kab dieser Methode 

Lnerte entspricht. V ~Sen Psyche und ihrer Entwicklung, 
sind: genaue Kenntnisse der kindhchen r y K( , h(m Gedank en- 

Sbegriffen *«-»!** ££££ — "* """S" 
gangen den Einfluss auf die Untern. » ^ ^^ Das 

f on T Gedanken- und Gefühl siebe nd »**£«« Feingeful ,l leisten. 
, übri ge muss f-mch Schulung unPY^ «^ „^ 2U r , nden 
Ob dies und wie viel davon in 
ist, mag der geneigte Leser entscheiden. 



Wien, am 20. Juni 1910. 



Für den Verein: 

Dr. Alfred Adler. 



& j&z --rjatsstow»'^ r«ww* « 



r?* 



. I. . . . .. ■_ 

Unus m it 1 1 o r u m : 

Zur Prüfung einer wissenschaftlichen Frage besitzt nach land- 
läufiger Meinung der die meiste Berechtigung, dessen Person von der 
Entscheidung am wenigsten berührt wird. Nur von ihm erwartet man 
leidensr.lmlt.slu.se Beharrlichkeit, Objektivität, Voraussetzungslosigkeit 
und wie ;iü diu schönen Tugenden des guten Richters heissen. 

Gilt e.s also, Ursachen und Verhütung der Schülerselbstmorde zu 
erforschen, dann gebührt am wenigsten Beachtung dem Lehrer, selbst 
dem, dessen eigene Tätigkeit noch von keinem jener unseligen Er- 
eignisse beschattet wurde. Vielleicht dürften sich die berufsmäßigen 
Vertreter der Schule dieser Entscheidung fügen, wenn sie zugleich für 
die berufsfreudigeu Bekämpfer unseres Schulwesens verbindlich wäre. 
Ihnen gegenüber, die gerade in den Augenblicken leidenschaftlichster 
Erregung, wenn wieder ein Schüler als Opfer einer unbegreiflichen 
Lebensverachtung gefallen ist, mit aller Beredsamkeit des Hasses, mit 
der ganzen Macht der Tagespresse gegen die „mörderische* Schule pre- 
digen, darf der Lehrer wenigstens das Recht des andern Streitteiles 
geltend machen. 

Ist die Schule, die berufen war, mit stiller, aber kraftvoller Arbeit 
der Zukunft unserer Kultur Richtung zu geben und so die Gegenwart 
zu richten, nun selbst zur Angeklagten erniedrigt, so soll es ihr 
wenigstens nicht gänzlich an Verteidigung fehlen. In diesem Sinne 
wurden die folgenden Zeilen geschrieben; möge ihnen auch in diesem 
Sinne zu wirken nicht gänzlich versagt sein! 

Wenn' der Selbstmord als die Verneinung des stärksten der 
menschlichen 'IViebe, des Triebes nach Selbsterhaltung, für unser 
Gefühl immer normwidrig ist, so gilt das in noch höherem Grade von 
dem Kindersellt-stmurd. da wir beim Kinde mit der unverbrauchten 
Lebenskraft auch unzerstörbaren Lebenswillen vereinigt glauben. 

I)icse gefühlsmäßige Beurteilung findet ihre volle Bestätigung in 
den Zahlenreihen der Statistik. Hier zeigt sich, dass die erdrückende 
Überzahl der Selbstmörder in einem Alter von mehr als 15 Jahren aus 
dem Leben scheidet. Unter den normwidrigen Lebensverächterh bilden 

Wiener iiisknsaiujien. (Heft I.) 



ß „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

also die uuter 15 Jahren eine Abnormität 2. Ordnung. Und dass diese 
Klasse von Selbstmördern durchaus nicht parallel mit der Gesamtzahl 
der Selbstmorde anwächst, muss die Überzeugung ihrer Eigenart noch 
stärker befestigen. 

Darum vermag eine Erklärung, die für die Selbstmorde Erwach- 
sener genügt, noch nicht die Kinderselbstmorde völlig verstfindlich zu 
machen. Wohl aber ist es berechtigt, diese Fälle zusammen mit den 
Selbstmorden von Personen zwischen 15 und 2(1 Jahren als einheitliches 
Problem zu behandeln und so die Untersuchung des Kinderselbstmordes 
zur Frage nach den Gründen des Selbstmordes im jugendlichen Alter 
zu erweitern. 

In den öffentlichen Diskussionen erfährt aber die Finge» zugleich 
mit dieser Verbreiterung eine bedeutende Verengung, indem nur die 
jugendlichen Selbstmörder, die eine Schule besuchen, in Betracht ge- 
zogen werden und ihre Tat als „ Schülerselbstmord " rubriziert wird. 
Gegen diesen Begriff erheben sich aber Bedenken, die möglichst klar 
und scharf auszusprechen mir nicht überflüssig scheinen will. 

■Die Erörterungen, die von den jüngsten Schülerselbstmorden her- 
vorgerufen wurden, zeigten deutlich, dass der engere Begriff .Schüler- 
selbstmord" den weiteren „Selbstmord im jugendlichen Altm- aus dem 
allgemeinen Bewusstsein verdrängt und sich ganz an dessen Stelle 
gesetzt hat, so dass an die jugendlichen Selbstmörder, die keine Schule 
besuchen, gar nicht gedacht wird. Aber damit ist noch nicht die ganze 
Verwirrung aufgedeckt, die mit dem unglückseligen Schlagwort . Schüler- 
selbstmord " angerichtet wurde. 

In der stürmischen Entwicklungsperiode, die fast achtmal so viel 
Selbstmorde als das Kindesalter aufweist, in der Zeit vom 15. '20. Jahre, 
gibt es keine anderen Schüler als Mittelschüler, also Schülerselbstmorde 
nur an Mittelschulen. Darin liegt ein neuer Anstoss zur Verwechslung 
der Begriffe und Verhüllung der Tatsachen. Wie der „Schülerselbst- 
mord" den „Selbstmord im jugendlichen Alter" vergessen macht, so 
wird er selbst vergessen über dem „Mittelschülerselbstmord. u Der 
allein bleibt dem allgemeinen Bewusstsein lebendig als ein blutiges 
Schreckgespenst, das mit abscheulicher Grausamkeit nur unter der 
Blüte unserer Jugend mordet. 

Man wird diese- Darstellung der in unserer Frage herrschenden 
Irrtümer Übertreibung schelten. Aber man erinnere sich nur 
der Diskussionen, die in jüngster Zeit durch die Selbstmorde Wiener 
Mittelschüler erregt wurden. Musste nicht erst ein Kommunique' unseres 
Unterrichtsministeriums erscheinen, um daran zu erinnern, dass Selbst- 
morde auch von Lehrlingen und Handlungsgehilfen begangen werden? 

Je mehr aber der Schülerselbstmord an die jugendlichen Selbst- 
mörder anderer Lebenskreise vergessen lässt, desto stärker wirkt die 






Über den Selbstmord. 7 

im Begriff selbst liegende Aufforderung, jedesmal, wenn ein Schüler 
freiwillig aus dem Leben geschieden ist, das Motiv seiner Tat in seinem 
Verhältnis zur Schule zu suchen und dieser die Schuld an dem traurigen 
Ereignis aufzubürden. 

AVie trüglich dieser am Worte „ Schülerselbstmord " haftende Schein 
ist, wie oft der Lebensverachtung des jungen Selbstmörders jede Be- 
ziehung auf die Schule fehlt, und wie oft, auch wo diese vorhanden 
ist, bei genauerer Prüfung statt eines verursachenden ein veranlassendes' 
Motiv zutage tritt, das wäre leicht zu zeigen. Aber es wird besser 
sein, auf die Enthüllung der die Selbstmordfrage verwirrenden Irrtümer 
die wirklichen Tatbestände in geordneter Reihe folgen zu lassen. 

Der Selbstmord im jugendlichen Alter ist eine soziale Erscheinung, 
die viel weiter zurückreicht als die Eintagshistoriker unserer Tages- 
blätter ahnen. Er brauchte nicht erst von neronisch gestimmten 
Gymnasiallehrern herangezüchtet zu werden. Man darf ihn auch nicht 
mit den Augen des Lokalberichterstatters als österreichische oder gar 
als Wiener Spezialität ansehen. Sein Verbreitungsgebiet ist die moderne 
Knitunveit und gemeinsam mit ihr ist er erwachsen. 

In der Renaissance, jener Epoche, da aus dem Bruch mit der 
jüngsten und der Rückkehr zur ältesten Vergangenheit die moderne 
Kultur entstand, so reich, aber auch so verwickelt, ruhelos und wider- 
spruchsvoll wie nie eine zuvor, da taucht auch schon die furchtbare 
Paradoxe d«s Kinderselbstmordes auf und einer der ersten und scharf- 
siehtigsi.ii Männer moderner Geistesprägung, Michael Montaigne, 
hat 'lie.-us Phänomen als trauriges Zeichen seiner Zeit gewürdigt. 

In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts sind die 
Fälle schon so zahlreich, dass sie zu statistischer Aufzeichnung heraus- 
fordern. Uml so lässt sich für Preussen die Statistik des Kinderselbst- 
monles his zum Jahre 1749 zurückverfolgen. In ihren Zahlenreihen 
ist eine Bewegung nach aufwärts deutlich wahrzunehmen. Zwischen 
den Jahren ISH'6 — 1905 stieg die SelbstmordzifFer, d. h. das Verhältnis 
der jugendlichen Selbstmörder zu 100 000 Altersgenossen, von 7.02 
auf S.'Jtj. Doch fehlt glücklicherweise die dem Selbstmord der Er- 
wachsenen eigene Stetigkeit der Zunahme. Es gibt starke Rückschläge, 
die erst in jahrelangem, allmähligem Anwachsen ausgeglichen werden. 

Die Übersicht über die geschichtliche Entwicklung des Kinder- 
selbstmordes hat uns auch den Blick auf die geographische Verbreitung 
des traurigen Phänomens eröffnet. Wir haben es im Frankreich Mon- 
ta ig nes gefunden und brauchen nur hinzuzufügen, dass es auch heute 
in diesem Lande zu finden ist. Wie in Preussen und im übrigen 
Deutschland sind die jugendlichen Selbstmörder in der Schweiz, in 
Italien und England Gegenstand statistischer Beobachtung. 



. '^*r7i^''ffiy ^ 




g ' ■'■'*. ^•i.^wliii^.jpftj'feliotiöäfytisch^ Diakussionen". 

Die Gründe^^^h^^^^ und so hohem 

Alter können Weder? Mtiich'-iiöck 'räumlich eng beschränkt sein. Sie 
können daher nicht -in 4 Schüleinrichtungen Hegen, die erst der alier- 
neuesten Zeit entstammen und nur in Osterreich Geltung haben. Aber 
gesetzt den Fall, [ die harte Schulzucht -wirke in der Tat so lebens- 
feindlich, wie es von vielen behauptet wird, womit lasst es sich er- 
klären, dass die Selbstmorde Unter der Jugend überhand nehmen, während 
gleichzeitig das Prinzip der Milde gegen die Schwachen, das sich bereits 
alle Einrichtungen des öffentlichen Lebens erobert hat. auch vor den 
Toren der Schule nicht Halt macht? 

Wie viel milder die Schule im Laufe einer Generation geworden 
ist, soll nur an . einer kleinen Tatsache gezeigt werden. Ein hoher 
und hochverdienter Beamter unserer Unterrichtsbehörde durfte es in 
seinen jungen Jahren, als er noch selbst im Lehramt tätig war, für 
zulässig erachten, ' am Schlüsse eines Semesters in einer Klasse weit 
über die Hälfte der Schüler mit «nicht genügend" und .ganz unge- 
nügend" zu zensieren^ '.'.Wie könnte aber heutzutage ein Lehrer ein 
solches Klassifikationsefgebnis verantworten, da die Unterrichtsbehörde 
schon bei 25 "/o *nicht genügend*' -^ die „ganz ungenügend" sind ab- 
geschafft — eine Rechtfertigung verlangt und gewöhnlich noch eine 
tüchtige Nase dreingibt?- • : ''" 3 '.--hP 

Wenn also unsem Schülern noch immer nicht gegönnt ist, ein 
freies Leben, ein Leben voller Wonne, zu führen, ein sanfteres ist 
ihnen jedenfalls zuteil geworden* und wenn sie es dennoch häufiger 
als früher von sich werfen* \ so darf .darum die Schule kein Vorwurf 
treffen. ^?^^'Ä^$J^^: ; ^' 

Aber selbst ■'/(iiV;Äraftlifte r tflÄR' , "SnliiÜerselbsfcmorde können wir 
keineswegs als feststehende ^atsäcnö : gelten lassen. Zwar steht uns 
leider statistisches MaWrial iiidht'(rli.ff österreichische, sondern nur für 
preussische Schulen *;1fitf yerrtigtitig/ ^Äber' die sind gewiss nicht milder 
als die unsern. Wird döen sogar" die körperliche Züchtigung, die bei 
uns ganz verboteü ist,' dort oiö ztif Oberstufe der sogenannten „höheren", 
d. h. unserer Mitteläcnüleä gehändhabfe Trotz dieser schneidigen Schul- 
zucht war die Zahff^6fJ£^r6iMihsfMäeteti und höheren Schulen im 
Jahre 1905 begaü$ttfe^ grösser als im Jahre 18813. 

- ; Sie betrug beidemalilJ8^^|^p^^":% • '• ':•>' • ■ 

,, ,.;.:^ -Alline ZunahÄÄf|örl;Seibs auch dann nicht nach- 

. .Weisbar," wenn diö©MBök'^ül?ia1eBiöteren Schulen, das Gegenstück 
^-unserer vielgefürc&^^ wird. Im Jahre 1883 

■ vt endeteti 19 SchöUÄätÄ^Ätlt« durch Selbstmord, dagegen im 
• " Jahre 1905 nur' lii^^^^^^^^t '" 

-Über die Zeit ^idäfi^äÖ^f^^t'iirlBUf« eine vom Unterrichts- 
minister von; Grii'tfl'lSi^äitt^iWälSSS berufene Untersuchungs- 



. i"; -lt.'*'» V,'V.'.', . ..'«'.•'>r- ''.tJ^k'.'i 






Über den Selbstmord. 9 1 

kommission, der auch ßudolfVirchow angehörte, dass in dem vor- 
gelegten statistischen Material „nicht die mindeste Spur für die vielfach 
behauptete Zunahme der Selbstmorde unter den Schülern höherer 
Unterrichtsanstalten" zu entdecken sei. 

Das Gutachten zeigt, aus welchem Grunde es eingeholt wurde. 
Es galt, die Anklagen zu prüfen, die schon damals und sogar im Lande 
der Autorität, in Preussen, wegen der Schülerselbstmorde gegen die 
höheren Schulen öffentlich erhoben wurden. , 

Auch diesem gefährlichsten Kampfmittel ihrer Feinde hält also 
die Mittelschule fast durch ein Menschenalter stand. Das mag ihren 
Verteidigern eine Ermunterung sein, im Streite auszuharren. 

Mit der Aufstellung eines neuen Beweismittels zu Gunsten der 
befehdeten Schule wollen wir sogleich unserer eigenen Mahnung Folge 
leisten. 

Die Selbstmordziffer für jugendliche Personen ist im Jahre 19<)5 
um l.'Jii höher als 188b\ Auf Rechnung der Schülerselbstmorde kann 
diese Steigerung nicht gesetzt werden. Denn die sind, wie bereits er- 
wähnt wurde, 1905 nicht zahlreicher als 1883. Der Selbstmord kann 
sich demnach nur unter dem Teil der Jugend, der keine Schule mehr 
besucht. sondern im praktischen Leben steht, ausgebreitet haben. 

AI.-«, scheint die Sch ule, und_ zwar auch die Mittelschule, auf die 
Zunahm.' der SelFsTmorde nicht^yie immer behauptet wird, fördernd, 
"sondern weit eher hemmend einzuwirKiiT""Eine"endgiltige'EhFscheio!ung 
über den Einrruss— der Mittelschule autj die Selbstmordbewegung liesse 
sich freilich nur durch eine statistische Untersuchung auf breitester 
Grundlage gewinnen. Ihre Durchführung müssen wir natürlich unserer 
statistischen Zentralkommission überlassen, ihre Methode aber glauben 
wir andeuten zu dürfen. 

Man zählt einerseits alle Mittelschüler, anderseits die gleichaltrige 
Jugend der andern Lebenskreise und bestimmt innerhalb jeder dieser 
zwei Klassen, der wievielte Teil ihrer Gesamtzahl in einem Jahre durch 
Selbstmord endet. 

Die Anzeichen, die uns die preussisehe Statistik geliefert hat, be- 
rechtigen uns zu der Vermutung, dass die Selbstmordzitfer in beiden 
Gruppen gleich oder sogar auf Seite der Mittelschüler niedriger sein 
wird. Mögen wir bald der zuständigen Behörde eine vollgiltige Be- 
stätigung zu danken haben. 

Eines aber kann schon jetzt als Binsenwahrheit gelten, dass 
nämlich die Schule mindestens nicht die einzige Macht ist, die jugendliche 
Personen aus dem Leben treibt. Davon zeugt nicht nur die gewaltige 
Menge junger Selbstmörder, die zur Zeit ihrer Tat die Schuljahre bereits 
hinter sieh hatten, das lässt sich, trotz des trügerischen Scheins, den 
das Wort verbreitet, auch für die Schülerselbstmorde nachweisen. 



10 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

Die Statistik der an den preussischen Schulen vorkommenden 
Selbstmorde zieht auch deren Motive in den Kreis ihrer Hochachtung. 
Leider unterlässt sie es dabei, „harte Behandlung durch Lehrer" von 
„harter Behandlung durch Eltern und Angehörige" zu scheiden. 

Auf Grund argwöhnischster Prüfung dieses Materials konnte der 
preussische Psychiater Eulenburg 1 ) doch nur für 37 n /„ »Her Fälle einen 
ursächlichen Zusammenhang mit Furcht vor der Bestrafung eines Schul- 
vergehens oder Kränkung wegen mangelhafter Schuierfoigo vonnuten. 
Mithin sind die Schülerselbstmorde, die ihren Namen verdienen, 
weil sie durch die Schule motiviert sind, bei weitem in der Minderzahl. 
Aber die Schule hat doch selbst nur als "Vorfoe'i'Hung auf das 
Leben Daseinsrecht; ist darum nicht jeder einzelne Fall, wo die Schule 
Lebensflucht bewirkt, eine furchtbare Paradoxie? 

Gewiss! Aber gerade das paradoxe Missverhältnis zwischen der 
Nichtigkeit der Motive und der unvergleichlichen Schwere des Ent- 
schlusses verbindet diese Schülerselbstmorde mit den andern Fällen von 
Kinder'selbstmord, von denen sie gewöhnlich sorgfältig geschieden werden. 
So gut wie eine Schulstrafe kann auch eine häusliche Züchtigung 
durch die Angst, die ihr vorausgeht, oder die Kränkung, die ihr folgt, 
augenblicklich zum Selbstmord treiben. Und wenn sogar das Vorbot. 
die Kirmesse zu besuchen, oder die Verweigerung der Teilnahme an 
einer Treibjagd oder an der ßübenarbeit einen Jungen zum Selbstmörder 
machen kann, so blicken wir in eine Eigenart kindlichen Seelenlebens, 
die zum mindesten vorläufig jeder Berechnung spottet, und das Rätsel 
der Schülerselbstmorde verschwindet in den weit umfassenderen Kütsel- 
fragen der Psychologie und Psychopathologie des Kindes. Denn patho- 
logisch ist mindestens ein Teil der jugendlichen Selbstmörder. Das ist 
gerade für die Spezies, die uns besonders interessiert, zweifellos er- 
wiesen. 

Eine von Eul]enburg geführte Untersuchung über .'520 an 
Preussens höheren Schulen begangene Selbstmorde, der genaue amt- 
liche Berichte über jeden Fall zur Grundlage dienten, ergab bei 10% 
der Fälle ausgesprochene Geistesstörung. „Es würden ihrer," fiio-t der 
Autor hinzu, „vermutlich noch mehr sein, wenn wir nicht gerade nach 
dieser Richtung hin, wo es auf spezifisch ärztliche Bekundungen an- 
kommt, von den vorliegenden Berichten vielfach im Stich gelassen 
würden." (S. 12.) 

Unter den sicher pathologischen Selbstmördern, deren Geschichte 
Eulenburg genauer erzählt (S. 13 ff.), verdient ein Abiturient, der sich 

!) Schülerselbstraorde. A. Eulen bürg, Sonderabdruck aus dem V. Jahrgang 
der Monatsschrift für pädagogische Reform „Der Säemann" 1909. H. (~i. Teu bn er. 
Leipzig. 



Über den Selbstmord. ' ' 

am Tage der schriftlichen Reifeprüfung auf dem ■ Friedhof erschoss, 
besonderes Interesse. Wie viel edle Entrüstung über die mörderische 
Prüfungspein Hesse sich aus dieser traurigen Begebenheit schöpfen, wusste 
man nicht, dass der bedauernswerte Junge seit fünf Jahren .wegen 
kranker Ni rven* in ärztlicher Behandlung stand und erblich belastet war. 
Der Fall ist aber auch aus einem andern Grunde lehrreich. Er 
bildet gewissermaßen ein Mittelglied zwischen Selbstmorden, die auf 
eine akute psychische Erkrankung folgen, und solchen, wo zwar diese 
fehlt, aber „eine angeborene, mehr oder minder schwere neuropathische 
Belastung, eine konstitutionelle Veranlagung in Form von Inferiorität 
oder Minderwertigkeit" (S. 15) nachweisbar ist. Zu dieser zweiten Gruppe 
gehören nach Eulenburg von jenen 320 genan beschriebenen Fallen 
mindestens 57, das sind fast 18'7 . 

Viele der hier eingereihten Selbstmörder stammten aus Trinker- 
familien oder waren in anderer Art erblich schwer belastet. Hatte die 
geistige Abnormität schon bei einem oder gar einigen von den al eren 
Fannlieninitgliedernznin Selbstmorde geführt, so verstärkte sich die Macht 
der erblichen Belastung durch die suggestive Kraft des Vorbi des, über 
die wegen ihrer ausserordentlichen Bedeutung später ausführlicher ge- 
handelt werden soll. Hier aber verweisen wir auf die Entwicklungs- 
störungen, die der jugendliche Geist im Kreise einer abnorm gearteten 
Familie notwendig erleidet. 

Wenn nun ein Knabe, den Umstände wie die eben geschilderten 
zur Minderwertigkeit herabgedrückt haben, den Anforderungen der 
Schule nükt entspricht, und, statt gegen den Misserfolg mit erneuter 
Anstrengung anzukämpfen, das Spiel verloren gibt und sich tötet, tragt 
dann die Schule Schuld an seinem Untergang? 

Mit der wunderbaren Geistesklarheit des Sterbenden die einst 
naive tVönunrnkeit als Sehergabe verehrte, hat einer jener Unglücklichen 
die Fn,, beantwortet. Es war ein 1 (.jähriger Knabe, ein uneheliches 
Kind, daher nach der Mutter benannt, vom Vater auch nach der 
L«ritimi,r«iig des Verhältnisses nicht anerkannt und hart behandelt. 
Als er die Versetzung in die Obersekunda der Realschule, auf die er 
mit gänzlich unbegründeter Selbsttäuschung gehofft hatte, nicht er- 
reicht erschoss er sich. In seiner Tasche fand man eine. Visitkarte 
mit folgenden Zeilen: „Liebe Eltern! Verzeiht nur. Ich wusste es 
wirklich nicht, dass es so kommen sollte. Mein schwacher- Charakter 
lässt es wieder nicht zu, diese Schmach zu ertragen. Dr. E. (der Ordi- 
narius der Klasse) sei auf das beste gegrüsst.* So hisst der UngluÄ 
auf das Bekenntnis seiner Schwäche als sein letztes Wort den Abschieds- 
gruss für den Lehrer folgen. Tieferschüttert flüstern wirtHave, amma 
Candida! — 



12 „Wiener psj'choanalytische Diskussionen". 

Wie aber erscheinen uns jetzt die Zeitungsschreiber, die solche 
Fälle — es gibt ihrer nur allzuviele — mit einem von keinerlei Sach- 
kenntnis getrübten Urteil und daher erstaunlich einfach darsteilen: 
Schülerselbstmord — die Schule ist schuld! 

Doch besser als mit denen zu streiten, die nicht belehrt sein 
wollen, ist es für uns, selbst neue Belehrung zu suchen. 

Fast bei einem Viertel der ;5i>(> Schülerselbstmorde, über die sich 
Eulenburg auf Grund der Akten ein Urteil bilden konnte, lag der 
Keim der Katastrophe in dem Mangel der für höhere Schulen nötigen 
Begabung. |S. 17.) So viel Opfer fordert also die Verständnislosigkeit, mit 
der Kinder von ihren Angehörigen in eine Bahn gezwungen werden, auf 
der sie selbst bei ehrlichem Bemühen nur Misserfolge erreichen können. 
Und sind nicht auch diejenigen Opfer zu nennen, welche erst kostbare 
Jugendjahre daran setzen müssen, die höheren Schulen zu überfüllen, 
ehe sie für ihre gescheiterte Existenz einen 'Unterschlupf sticken dürfen? 
Und wie leicht Hesse sich all dies herbe Unglück der »viel zu 
vielen" vermeiden, wenn die Eltern den Warnungen der Lehrer Gehör 
schenken wollten, oder, da dies doch nur selten erreichbar ist. den 
Lehrern im Verein mit psychologisch gebildeten Schulärzten die Be- 
fugnis eingeräumt würde, körperlich und geistig ungeeignete Schüler 
zu ihrem eigenen Heil möglichst rasch vom Studium auszusch Hessen. 

Doch die wackern Rufer im Streite um die Schulreform haben ja 
ein ganz schmerzloses Mittelchen parat. Zwar die grosse Haupt- und 
Gliederreform, die Reform der alten Mutter Natur, die missbräuchlich 
noch immer neben fähigen auch unfähige Köpfe in die Welt setzt, 
wagen selbst diese rosenroten Optimisten nicht zu versprechen: 

Aber sie wissen sich zu helfen. Wollen die Köpfe nicht zu der 
Schule passen, dann passt man eben die Schule den Köpfen an, solange, 
bis sich gar keine Reibung mehr ergibt. Jeder Hutmacher trifft solch ein 
Kunststück, und unsere weisen Schulreformer sollten es nicht zustande 
bringen? Der Weise versteht alle Handwerke, lehrten die alten Stoiker. 
Dies viel verlachte Paradoxon findet nun eine allermodernste Be- 
stätigung. 

Unsere Schüler werden, da sie nicht nur Schulinteressen haben, 
vielleicht auch bei der neuen, bequemen Hutfaeon Selbstmorde verüben. 
Sicher aber wird ein Mord begangen werden an dem geistigen Leben 
des Volkes. Kleinmütige Bedenken! Vorwärts mit dem Schlachtruf: 
Schulreform, vorwärts im Klassenkampf der Enterbten im Geiste! 

Indess, das Satyrspiel der Schulstürmer und -stürzer soll uns nicht 
die Tragik der Schülerselbstmorde vergessen machen. 

. Nachdem wir den verhängnisvollen Widerstreit von Sollen und 
Können, der das Leben vieler braver, aber unbegabter Schüler zerstört 
und ihre vom Ehrgeiz verblendeten Eltern mit schwerer Schuld belädt. 



'■Tfi^ iagsgS sg teaaSjBiwg ^jSj^^ 



Über den Selbstmord. 13 

gewürdigt hüben, betrachten wir den nicht minder mörderischen Zwiespalt 
zwischen jugendlichem Wollen und Müssen. 

Seine zahlreichen Opfer — in Preussen 81 unter 320 (S. 17 u. 20 ff.) — 
sind Menschen von guter, mitunter hervorragender Begabung, die infolge 
einer überhasteten E ntwicklung in ihren Leistungen und Genüss en ge- 
reil'te "Männlichkeit zu betätigen streben, nach ihren Jahren aber als 



unmündige Seh u 11; nahen zu leben gezwungen sind. Für die verderbliche 
Frühreife dieser Bedauernswerten die Schule verantwortlich zu machen, 
wird auch ihren erbittertsten Anklägern nicht einfallen. Scheint doch 
das gerade Gegenteil, der verdummende Einfluss unserer höheren Lehr- 
anstalten auf bedeutende Geister, von zuständiger Seite zum Range 
eines Naturgesetzes erhoben zu sein. Und wer wüsste nicht, wie viel 
berühmte Seh« achköpfe von Klopstock bis Nietzsche aus dem 
einzigen Schuipforta hervorgegangen sind? 

Wenn also unsere Schulstuben von hypermodernen Poeten, ultra- 
revolutiunäien Politikern, übermenschlichen Philosophen und mit allem 
Menschlichen vertrauten Liebeshelden bevölkert sind, so ist dies die 
Wirkung der Gesellschaft, die heute nicht anders als in der Werdezeit 
des Christentums schwer und schmerzlich nach Erneuerung ihres ganzen 
Lebens ringt und in ihren Riesenkampf auch die Jugend und gerade 
die Jugend hereinzieht. Aber warum lässt sich die Schule ihre Zög- 
linge so entreissen? Statt vieler Gründe diene zu ihrer Rechtfertigung 
nur einer und «1er einfachste. Wie kurz erscheint im Zeitraum eines 
Jahres die Frist, die der Schule für ihre Arbeit an der Jugend gesetzt 
ist. Die ganze übrige Zeit wirken die gesellschaftlichen Mächte, vor 
allem das elterliche Heim, aber auch die Geselligkeit, die öffentliche 
Meinung, dii- neue Literatur und Kunst. 

Da mithin die Schüler nicht gehindert werden können, recht, früh 
modern zu werden, wäre es da nicht besser, die Schule, die ängstliche 
Glucke, folgte ihren Entlein in das ungewohnte Element und finge 
selber an, luftig im Fahrwasser der Moderne zu plätschern? Hat sie 
dann erst ihren Schützlingen jede Tätigkeit und jede Tat als unge- 
schminkte Äusserung der Persönlichkeit freigegeben, wo gibt es dann 
noch Verkümmerung oder gar lebensgefährlichen Konflikt? 

Ja, solch eine moderneMusterschuie wäre wirklich ganz ungefährlich, 
so ungefährlich, dass ihr unsere muntern Jungen, die das Schulgesetz 
brauchen, schon um es zu übertreten, weit aus dem Wege gehen würden. 
So wenigstens erwarten es die echten Schulmeister, die unsere Jugend 
kennen und an sie glauben trotz allem. 

Vielleicht aber wären, auch ohne dass wir uns zur Zertrümmerung 
unserer überlieferten Schulformen entschliessen, einige vorbeugende 
Maüreueln iroiren den Schülerselbstmord durchführbar. 



14 „Wiener psychoanalytische Diskussionen'". 

Dass für die Aetiologie der Schülerselbstmorde das häusliche 
r JLeben__die en tscheidenden Momente lief ert, dagegen Misserfolge iil der 
Schule niemals mehr als Veranlassungen, zum Ausbruch der Katastrophe 
bieten, ist eine Erkenntnis, für die wir unsere Leser nicht zu gewihnen 
vermochten, da wir in gewollter Beschränkung mit unsern psycho- 
logischen Betrachtungen nur in der Oberwelt des Bewussten forschten, 
um die Fahrt in jene Tiefen, wo die Mütter alles seelischen Lebens, 
die unbewussten Gedanken und Wünsche hausen, dem rechten Meister 
im Reiche der Geister und seinen kundigen Adepten zu überlassen. 
Aber schon unsere flüchtigen Streifungen haben den Einfhiss häuslicher 
Verhältnisse auf die Schülerselbstmorde wenigstens so weit erwiesen, dass 
die Forderung, mit der Prophylaxe im Hause zu beginnen, begründet 
erscheint. 

Während der Lehrer in verhältnismäßig kurzer Zeit viele Kinder 
gleichzeitig beobachten muss, dabei vor allem die intellektuellen An- 
lagen zu sehen bekommt, dagegen in alle tieferen Regungen schon darum 
nur selten eindringt, weil sie vor ihm absichtlich verschlossen werden, 
kann im Eiternhause jedes einzelne Kind beliebig lang und dabei in 
ungekünstelter Haltung beobachtet werden. Da lässt sich auch das 
Aufsteigen eines schweren seelischen Konflikts wahrnehmen und eine bis 
zur Katastrophe führende Verschärfung hindern. Aber diese Gelegenheit 
wird keineswegs nach Gebühr benützt. So erfuhr Eulen b n r g ( S. 1 4), als 
er zu einem 19jährigen Oberprimaner, der Selbstmord verübt hatte, gerufen 
wurde, „dass dieser junge Mann schon seit Monaten mit Kltcrn und 
Geschwistern kein Wort mehr gewechselt und im Hause völlig sich 
selbst überlassen offenbar in schwerer Melancholie gelebt hatte." 

Was das Elternhaus zu beobachten versäumt, wird gewöhnlich 
auch der Schule verborgen bleiben. Bekommt sie aber die nötigen 
Winke, so vermag sie gewiss vieles zu tun, um einen übermäßig 
erregten Knaben vor einer Verzweiflungstat zu bewahren. So segen- 
reiches Zusammenwirken ist jedoch nur erreichbar, wenn aus den 
Herzen der Eltern das krankhafte Misstrauen gegen die Schule schwindet, 
wenn sie entschlossen sind, mit ihr treue Bundesgenossenschaft zu 
schliessen, statt wider sie ein grimmiges Trutzbündnis zu schmieden. 
Vielleicht wäre das ersehnte Vertrauen leichter zu gewinnen, wenn die 
Schule das gefährliche Vorrecht, über Schülerleistungen unwiderrufliche 
Urteile zu fällen, verlöre und zur Erledigung von Beschwerden Über- 
prüfungskommissionen eingerichtet würden. Man gel«? einem Schüler, 
der sich zu hart oder gar ungerecht beurteilt fühlt, das riecht, sein 
besseres Wissen vor einer 2. Instanz in einer Prüfung zu bekunden. 
Auch der gehässigste Zeitungsschreiber wird dann nicht behaupten 
können, ein Lehrer habe mit dem „nicht genügend", das er schrieb. 



Über den Selbstmord. 15 

ein Todesurteil unterzeichnet. (Vgl. Dr. H. Fischl: „Die Klassi- 
fikationssorgen", Die Zeit Nr. 2790, 2. Juli 1910.) 

Vom .Standpunkt einer den tiefsten und unbewussten Seelenregungen 
zugewandten Psychologie ist es wohl platte Selbstverständlichkeit, dass 
auch mit der Änderung des Klassifikationswesens, die wir soeben 
befürwortet haben, unsere Mittelschüler nicht allen Grund zum Selbstmord 
verlieren würden, ja dass die wahre und letzte Ursache einer solchen 
Tat häutig gar nicht zu ermitteln ist und daher noch viel weniger mit 
vorbeugenden Maßregeln beseitigt werden kann. 

Doch es wäre schon viel gewonnen, wenn man den jungen Selbst- 
mordkandidaten das Sterben schwerer zu machen suchte. Zwar ist es 
richtig, dass em Mensch, 3er bereits fest entschlossen ist, aus dem 
Leben zu scheiden, jedes seiner Absicht entgegenstehende Hindernis zu 
überwinden weiss und auch vor den schrecklichsten Vernichtungsmitteln 
nicht zurückscheut. Doch ebensowenig kann bestritten werden, dass 
Gelegenheit nicht allein Diebe macht, sondern auch Selbstmörder, und 
dass Gelegenheit zum Selbstmord dem geboten ist, der seinen Tod 
jederzeit durch eine geringfügige Augenblickshandlung sicher 
schmerzlos und ohne ekelerregende Verstümmelung und Entstellung 
herbeiführen kann. Allen diesen Bedingungen entspricht die Sehuss- 
waife so vollkommen, dass sie ihrem Besitzer den Gedanken an Selbst- 
mord geradezu aufnötigt oder, wie die Psychologen sagen, suggeriert. 
Aus elnm diesem Grunde verzichtete ein uns bekannter Hochschüler zur 
Zeit. hL er unter starken Verstimmungen litt, auf den zierlichen Revolver, 
der ihm in den Gymnasialjahren ein liebes Spielzeug gewesen war. 

Als ein rechtes Gegenstück zu diesem vorsichtigen jungen Mann 
erscheint uns jener im vergangenen Winter vielgenannte Wiener 
Knabe, der sein freies Verfügungsrecht über die väterliche Waffensammlung 
dazu benutzte, sich die geeignetste} Todeswaffe auszuwählen. Natürlich 
darf man ohne genaue Kenntnis der nähern Umstände nicht behaupten, 
dass der Gedanke an die Waffensammlung schon den aufkeimenden 
Entschluss zum Selbstmord begünstigt hat. Jedoch das Gegenteil, die 
Unwesentlichkeit gerade dieses Faktors, wäre wohl noch weit schwerer 
zu erweisen. Und so bleibt der traurige Fall nur zu geeignet, jene 
Väter zu belehren, die bisher meinten, der Revolver gehöre in die 
Tasche eines rechten Jungen nicht anders als die Taschenuhr. 

Indess, die Schusswaffe erzeugt nur darum einen suggestiven Reiz, 
weil hiu die Möglichkeit des Selbstmordes in sich verkörpert. Der 
»Schütze, der ihn an der eigenen Person zur Wirklichkeit erhebt, muss 
eben darum noch weit suggestiver wirken. Zur vollen Einsicht in die 
vom Selbstmörder ausgehende Suggestionsgewalt ist aber noch folgende 
MrwKguug nötig: Unter den zahlreichen Mitteln, die- zur Selbstver- 
niehtmig \ erwendet werden, besitzt suggestive Kraft nur ein eigent- 



|.(j „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

liches Mordwerkzeug wie der Revolver, also nicht der Strick und die 
Phosphorhölzchen, der Fluss und das dreistöckige Haus. Wohl aber 
lockt jeder Selbstmord, mag er wie immer vollbracht sein, zm- genauen 
N achahmung . 

So werden in einer englischen Stadt, deren Namen ich leider 
vergessen habe, Selbstmorde durch Herabstürzen von einer Brücke 
immer nur nach jahrelangen Pausen, dann aber gleich serienweise. 
verübt (nach Dr. Baer, Der Selbstmord im Kindesnlter). Noch 
viele andere Tatsachen zeigen, dass der Selbstmord ausleckend 
wirkt. Förmliche Selbstmordepidemien sind schon aus dem Altertum 
bezeugt. Vom Ende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts beginnen 
sich die Selbstmorde in Athen auffällig zu mehren, sh-Ii«? unter 
Mitwirkung des Vorbilds, das der wirkliche oder bloss geglaubte Selbst- 
mord des grossen Staatsmannes Themistokles darbot. (U. Hirzel. 
Der Selbstmord, Archiv für Religionswissenschaft, 1908, S. Ol). Gleich- 
zeitig machte unter den unverstandenen Frauen Athens, Sfcheneboin. die 
Heldin einer euripideischen Tragödie, für den Schirlingsbeeher Propa- 
ganda .(S. 102). Im 3. und den folgenden Jahrhunderten, der Epoche 
des Hellenismus, wird in der Zentrale dieser Kultur, in Alexandria. die 
Flucht aus dem Leben zu einem alltäglichen Ereignis. Es genügte, 
dass ein pessimistisch gestimmter Hedonist, Hegesias, mit dem Beinamen 
neiöidävaxog, der Todesprediger, in seinen Vortrügen das RIend des 
Daseins und das Recht auf Selbstbefreiung eindringlich erörterte, um 
eine Menge junger Leute zur praktischen Betätigung dieser lebeusver- 
neinenden Lehre zu bewegen. Wie eine Selbstmordephleiuie durch 
Massens uggestion entsteht, tritt hier mit höchster Klarheit zu Tage. 

In der grossen Pflanzstätte der hellenistischen Kultur, hu kaiser- 
lichen Rom, wird das Recht auf freigewählten Tod zu einem Dogma 
der in den Fragen der Weltanschauung stoisch, in der Politik 
republikanisch gesinnten Opposition. 

Cato Von Utica, der unversöhnliche Gegner des Diktators Cäsar, 
der den Sturz der Republik nicht überleben wollte, ist der Heilige und 
Märtyrer, dem diese Gemeinde in den Tod folgt. Doch haben manche 
Familien ausserdem noch eine eigene Selbstmordtradition, so zwar, dass 
sich z. B. eine Fannia tötet, weil ihre Mutter und Grossnmtter, die 
beiden Arriae, freiwillig gestorben waren (a. a. 0. S. 101, 1). 

Blicken wir nun auch auf die neueren Perioden der Sitten- und 
Geistesgeschichte, so berichtet die berühmte Elisabeth Oharlotte, 
die scharfsichtige und unbefangene Beobachterin der Zeit Ludwigs 
<les XIV., bereits im Jahre 1696 in einem Briefe an die Kurfürstin 
Sophie von Hannover: „Dass Engländer sich selbst ermorden, ist gar 
gemein bei ihnen" (a. a. 0. S. 80, Anm. 3), wir können nach Montesquieu [ 






Üt?er den Selbatmord. . 17 

ergänzend hinzufügen, ohne dass man einen Grund ersinnen kann, 
der sie dabei bestimmt (Esprit des lois XIV, 12, nach Hirzel 
S. 80, 3). Das Fehlen individueller Motive ist ein sicherer Hinweis 
auf die Wirkung einer Massensuggestion. Diese zu üben waren 
schon Hamlets melancholische Betrachtungen über Sein oder 
Nichtsein wohl geeignet. Dazu kam im Jahre 1G68 der Biodävarog, 
eine in London herausgegebene Verteidigungsschrift zu Gunsten des 
Selbstmordes, die merkwürdigerweise einen Geistlichen von der Paulskirche 
zum Verfasser hatte. 

Wie mit der Verbreitung der englischen Geistesbildung auch die 
englische Lebensverachtung an Boden gewinnt, lässt sich wiederum aus 
den Briefen Elisabeth Charlottes nachweisen. 1718 schreibt sie 
an die Raugräfin Luise : „So fangen unsere teutschen die Englischen 
maniren ahn . sich selbst umbs leben zu bringen, dass Konnten sie 
woll bleiben lassen* (a. a. 0. S. 80, 3) und 1722 berichtet sie dem 
Herrn von Harling: „Die grosse mode zu Paris ist nun, dass man sich 
selber umbbringt" (S. 83, 4). In Deutschland erreicht die Selbstmord- 
epidemie erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. 
Diesmal war es nicht ein Philosoph, sondern ein urgewaltiger Dichter, 
der jutitfe Goethe, der, freilich ohne es zu wollen, die Rolle des 
utetaiMnims, des Todespredigers, spielte. Seines Werthers „viel- 
beweintem Schatten' folgten viele gleichgestimmte Jünglinge ins 
Grab. Und wem folgte Werther? Der Dichter beantwortet die 
Frage, indem er auf den Pult dieses Selbstmörders die Emilia 
Galotti hinlegt (a. a. 0. S. 101, 5). Und das Urbild Werthers, der 
durch seinen Selbstmord berühmt gewordene junge Jerusalem ? Der war 
gewiss nicht zufällig auch im Leben ein Nachahmer der Engländer 
(a. a. 0. k. 81, 3, nach Goethes Werke 26, 156 und 219). Sein freiwilliges 
Ende machte auf den befreundeten Goethe um so tieferen Eindruck, 
da ihm selbst der Gedanke an Lebensfiucht bereits gefährlich nahe getreten 
war. Und auch er stand damals im Banne eines grossen Vorbildes. 
Es war der römische Kaiser Otho, der sich erstach, weil er im Thron- 
streit gegen Vitellius unterlegen war (a. a. 0. S. 103, 2, nach Goethe 26, 
221 f.). So sehliessen sich vor unsern Augen die Selbstmorde vom 
Altertum bis auf unsere Zeit zu einer einzigen Kette zusammen, in der 
ein Glied alle folgenden mit sich zieht, und die Kraft, die sie aneinander 
schmiedet, heisst Suggestion. * 

Sich ihr zu entziehen, vermag ein .Individuum um so weniger, je 
kleiner die Widerstandskraft ist, über die seine psychische Organisation 
verfügt. Das Kind muss daher suggestibler sein als der Mann, gegen- 
über dem Selbstmord so gut wie in allen anderen Dingen. Tatsächlich 
zeigt .sich der Einfluss der Suggestion bei vielen Kinderselbstmorden 
mit erschreckeiulerTDeütTichkeit. Wir erwähnen nur zwei besonders be- 

Wieuor Diskussionen. (Heft I.) 2 



-, o „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

zeichnende Fälle, die in Baers Untersuchung: „Der Selbstmord im 
Kindesalter " verzeichnet sind: 

Ein 14jähriger Knabe, berichtet V o i s i n , erhängte sich, nachdem 
er drei Kreuze auf die gegenüberliegende Wand gemalt und zu seinen 
Füssen Weihwasser aufgestellt hatte. Ganz so hatte sich vier Wochen 
zuvor sein Onkel, der sich oft berauschte, nach dem Frühstück er- 
hängt — Bei dem Begräbnis eines Knaben, der sich aus unbekannter 
Ursache erhängt hatte, äusserte - so erzählt Durand - einer der 
Chorknaben, die dem Sarge folgten, zu seinem Kameraden, er wolle 
sich auch durch Erhängen töten, und führte seine Absicht vier Tage 

später aus. 

Natürlich wird die suggestive Wirkung solcher Selbstmorde, die 
das Kind in seiner nächsten Umgebung miterlebt, nur schwer behoben 
werden können. Doch ereignet es sich wenigstens nicht allzu häufig, 
dass ein Kind unter die Herrschaft derartiger Eindrücke gerät. 

Wohl aber liest heutzutage fast jedes Kind die Zeitung oder 
darf doch zuhören, wenn sie vorgelesen oder ihr Inhalt erzählt und 
besprochen wird. So erfährt es immer wieder von Selbstmorden seiner 
Altersgenossen. Und wenn sich noch die Herren der Prosse auf kurze 
Berichte beschränken wollten. Aber da werden alle näheren Umstände 
der Tat behaglich * ausgemalt und das Mitleid mit dem armen Opfer 
bedenklich aufgestachelt. Im Laufe der von Tag zu Tag fortge- 
sponnenen Erörterung wird der Selbstmörder zu einem unschuldig 
Gemordeten, nach den Mördern wird eifrig gefahndet und bald sind sie 
auch gefunden. Die bösen Lehrer sind es. Ihre kaltherzige Grausamkeit 
hat den hoffnungsvollen Knaben getötet. Er starb als Märtyrer für 

die Freiheit der Schule. 

Und nun erwäge man die Wirkung einer solchen Presskampagne,, 
die kein Phantasieerzeugnis ist, sondern im letzten Winter nur 
allzu bittere Wirklichkeit wurde, man bedenke ihre Wirkung auf einen 
Knaben mitten im stürmischen Entwicklungsalter, der sich als Mann 
zu fühlen beginnt und für diesen neu gewonnenen Stolz die allerreichste 
Befriedigung sucht. Konnte er sie in der Schule nicht erringen, hier 
wird ihm ein Weg gewiesen, sie gegen die Schule zu ertrotzen. Er 
folgt dem Wink und greift zum Revolver. So sorgt die Presse mit 
ihrem geräuschvollen Kampf gegen Schülerselbstmord und Schule, dass 
immer neue Opfer fallen und ihr der Stoff für neue Klagen und An- 
klagen nicht ausgeht. 

Ich habe meiner Verteidigung der Schule in Sachen des Schüler- 
selbstmordes nichts hinzuzufügen. Meine sehr verehrten Herren Gegner! 
Hier ist die Anklagebank. Ich bitte, nehmen Sie Platz! 



■fäjuiwjuum 



Über den Selbstmord. 19 

II. 
Prof. Freud: 

Meine Herren! Sie haben alle mit hoher Befriedigung das 
Plaidoyer des Schulmannes angehört, der die ihm teure Institution nicht 
unter dem Drucke einer ungerechtfertigten Anklage lassen will. Ich 
weiss aber, Sie waren ohnedies nicht geneigt, die. Beschuldigung, dass 
die Schule ihre Schüler zum Selbstmord treibe, leichthin für glaub- 
würdig zu halten. Lassen wir uns indess durch die Sympathie für den 
Teil, dem hier Unrecht geschehen ist, nicht zu weit fortreissen. Nicht 
alle Argumente des Herrn Vorredners erscheinen mir stichhaltig. Wenn 
die Jugendselbstmorde nicht bloss die Mittelschüler, sondern auch 
Lehrlinge u. a. betreifen, so spricht dieser Umstand an sich die Mittel- 
schule nicht frei; er erfordert vielleicht die Deutung, dass die Mittel- 
schule ihren Zöglingen die Traumen ersetzt, welche andere Adoleszenten 
in ihren anderen Lebensbedingungen linden. Die Mittelschule soll aber 
mehr leisten, als dass sie die jungen Leute nicht zum Selbstmord treibt; 
sie soll ihnen Lust zum Leben machen und ihnen Stütze und Anhalt 
bieten in einer Lebenszeit, da sie durch die Bedingungen ihrer Ent- 
wicklung genötigt werden, ihren Zusammenhang mit dem elterlichen 
Hause und i lirer Familie zu lockern. Es scheint mir unbestreitbar, dass 
sie dies nielit tut, und dass sie in vielen Punkten hinter ihrer Aufgabe 
zurückbleibt. Ersatz für die Familie zu bieten und Interesse für das 
Leben d müssen in der Welt zu erwecken. Es ist hier nicht die Ge- 
legenheit, zu einer Kritik der Mittelschule in ihrer gegenwärtigen Ge- 
staltung. Vielleicht darf ich aber ein einziges Moment herausheben. 
Die Schule darf nie vergessen, dass sie es mit noch unreifen Individuen 
zu tun hat, denen ein Recht auf Verweilen in gewissen, selbst uner- 
freulichen Entwicklungsstadien nicht abzusprechen ist. Sie darf nicht 
die Unerbittlichkeit des Lebens für sich in Anspruch nehmen, darf nicht 
mehr sein wollen als ein Lebensspiel. 



III. 

Dr. Rudolf Reitler: 

Meine Herrn! Wir bekommen wohl kaum einen erwachsenen 
Neuro tiker in psychoanalytische Behandlung, der nicht schon während 
seiner .Studienzeit von Selbstmordimpulsen gequält worden wäre, und 
es ist sehr wahrscheinlich, dass die im späteren Leben auftretenden 
Selbrttniordphantasien nur Repetitionen — selbstverständlich mutatis 
mutandis dieser jugendlichen Selbstmord-Zwangsvorstellungen sind. 

Ich bin berechtigt, von Zwang- Vorstellungen zu reden, denn diese 
Selbslmordim pulse haben ohne Zweifel zwanghaften Charakter. Wenn 



20 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen". 



wir eine präzise Diagnose stellen wollen, so müssen wir sagen, dass 
wir es hier mit einer Mischforni der Psychoneurose zu tun haben, mit 
einer Phobie — der Angst vor der Prüfung — kompliziert durch 
Zwangsvorstellungen, die sich auf die Selbstvernichtung beziehen, 

Scheinbar sind diese zwanghaften Selbstmordimpulse die direkte 
Reaktion auf die Prüfungsangst. 

Die Patienten selbst geben keine andere Ursache an. und auch 
der grossen Laienmenge scheint es ganz plausibel, dass ein junger 
Student aus Angst vor der Prüfung sich mit Selbstmordgedanken quält, 
sie eventuell auch in die Tat umsetzt 

Dies ist ja sicher bis zu einem gewissen Grade ganz richtig — 
soweit es nämlich die bewussten Vorstellungen betriift . also denn 
doch nur zu einem kleineren Teile. 

Die psychoanalytische Aufdeckung der unbewussten dVdsm kenreihen 
hingegen führt zu ganz andern, viel tiefer liegenden Motiven. 

Vor allem zeigt uns die Psychoanalyse aller Phobiker, dass ihre 
Angst zuerst gänzlich objektlos war, d. h., dass ein derartig Kranker, 
bevor, er sich vor Dieben, Feuer, Überschreiten von Plätzen. Prüfungen. 
Ansteckungen oder Vergiftungen etc. etc. fürchtete, früher schon ein 
Stadium durchgemacht hat, in dem alle diese Objekte seiner Angst noch 
nicht vorhanden waren, in welchem er also ausschliesslich unmotivierte 
Angst empfand. Und dies ist eine Angstform, die um so fürchterlicher 
empfunden wird, als sie sich eben auf nichts Reales, dem man ent- 
fliehen könnte, bezieht, nur auf ein unheimlich Unbekanntes, auf ein 
drohendes, unfassbares Etwas, dem man wehrlos preisgegeben ist. 

Es ist die „grässliche Angst vor der Angst", wie sich manche 
Patienten charakteristisch ausdrücken. 

Wie und wann kommt nun diese primäre, objektlose Angst zu 
Stande? 

Nach den Forschungsergebnissen Prof. Freuds am häufigsten 
dann, wenn der nicht zur normalen Verwendung gelangte Geschlechts- 
trieb eine Verdrängung erleidet. 

Die unbefriedigte Sexualspannung setzt sich in Angst um, welche. 
da sie wahrscheinlich toxischer Natur sein dürfte, psychisch absolut 
unbeeinflussbar ist. 

Wenn demnach junge Leute an primärer Angstneurose erkranken, 
so wird das wohl in den meisten Fällen dann geschehen, wenn sie 
nach vorhergegangener Onanie plötzlich aus irgendwelchen G runden ihren 
Sexualtrieb zu verdrängen suchen und der Masturbation entsagen. 

Also nicht die Onanie, sondern der Abwehrkampf gegen die 
Onanie, die Verdrängung der Libido erzeugt die Angstneurose. 

Allerdings bleibt diese toxische Angst nicht lange vom Psychischen 
abgetrennt. 



Mdtt 



,m(Wtr 



B6Mj»wg6ajH>iwgBag^ca , --<•■> sz; 



Über den Selbstmord. 21 

Pathogene Gedankenkomplexe — mehr oder weniger unbewusst — 
sind wohl in jeder, auch in der jugendlichen Psyche zur Genüge ange- 
häuft, und speziell der Onaniekomplex mit all seinen Selbstvorwürfen 
und Schuldgefühlen gibt reichliches Material, welches sich mit der ur- 
sprünglich objektlosen Angst verbinden kann, so dass aus dieser primären, 
wahrscheinlich organo-toxisehen Actualneurose eine psychogene Angst- 
hysterie werden kann. 

Und nun ist für die Weiterentwicklung der Psychoneurose der 
Weg frei. 

Es ist schon eine enorme Erleichterung für den Patienten, wenn 
er für seine grundlose Angst, der er hilflos gegenübersteht, ein Objekt 
findet, vor dem er sich fürchten kann; aber da dieses primäre Objekt 
zumeist in den Schädigungen der Masturbation gefunden wird, so ist 
der Zustand dadurch zwar gebessert, aber immerhin noch unerträglich. 
Denn durch die Natur dieses Objektes ist die Angst zwar intellektuell 
determiniert, dafür aber in Permanenz erklärt. Die Onanie ist ja nicht 
mehr ungeschehen zu machen, die Körper und Geist zerstörenden Folgen 
derselben nach Ansicht der Kranken nicht mehr abzuwenden, daher die 
beständige Angst ohne absehbares Ende. 

Und nun folgt eine weitere psychische Arbeitsleistung: Die Ver- 
schiebung des Angstaffektes vom ursprünglich sexuellen auf ein harm- 
loses, soziales Gebiet: in unserm Falle — in dem der studierenden 
Jugend — auf das Gebiet der Schule. Und damit ist sehr viel ge- 
wonnen, denn die zuerst kontinuierliche Angst ist nunmehr einer 
zeitlichen Einschränkung fähig geworden, und überdies ist durch diese 
Verschiebung auf ein harmloses Gebiet, der kulturellen Tendenz, die 
Affektgrö.sse des Sexualtriebes möglichst zu verkleinern, jedenfalls 
Rechnung getragen. 

Die Tatsache und den psychischen Mechanismus dieser Verschiebung 
des Angstaliektes vom Sexuellen aufs harmlose Soziale brauche ich in 
diesem Kreise selbstverständlich nicht des Nähern zu erörtern. 

Die Erkenntnis dieser im Leben der Kranken wie Gesunden 
allüberall nachweisbaren Affektverschiebungen gehört ja zu den festest 
begründeten Forschungsergebnissen, die wir der Psychoanalyse verdanken. 

Nur ganz kurz möchte ich in unserm speziellen, zur Diskussion 
gestellten Falle darauf hinweisen, dass die Verschiebung der Sexual- 
angst auf die Prüfung deshalb so leicht durchführbar ist, weil erstens 
die Schule für den Studierenden naturgemäß das nächstliegende Angst- 
objekt darstellt, denn die ganz normale ängstliche Erwartung, geprüft 
zu weiden, bedarf nur einer Steigerung durch Kräftezufluss von einem 
andern, dem sexuellen Gebiete her, um zu wirklicher neurotischer Angst 
erwachsen zu können, und zweitens, weil — und das ist wohl das 



22 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

Wichtigste — die Prüf ungs Vorstellung mit dem Sexualgebiet aufs 
innigste verbunden ist. 

Es ist ja eine Psychoanalytikern bekannte Tatsache, dass die 
Prüfungsangstträume erwachsener Männer regelmäßig der Befürchtung 
psychisch Impotenter entspringen, die sexuelle „Prüfung" beim Weibe 
nicht bestehen zu können. 

Bei der studierenden Jugend beobachtet man häufig dns Angstmotiv, 
die Prüfungen nur deshalb nicht mit Erfolg ablegen zu können, weil 
durch die Masturbation die intellektuellen Fähigkeiten und vor allem 
das Gedächtnis Schaden gelitten hätten; — also oine teilweise Rückkehr 
des auf die Prüfung verschobenen AngstafFektes zum ursprünglichen 
Onaniekomplex. 

Ebenso bekannt ist die Tatsache, dass viele Kinder, wenn die 
Angst in der Schule, z. B. bei einer schriftlichen Arbeit zu über- 
mächtig wird — zu onanieren beginnen. Und im selben Momente, in 
dem der Höhepunkt der Sexualbefriedigung erreicht ist. im selben 
Momente ist auch die ganze Angst verschwunden. 

Die Erklärung dieses, wie es scheint, recht häufig vorkommenden 
Phänomens liegt offenbar darin, dass die ursprünglich aus Sexualver- 
drängung entstandene Angst für das bloss vorgeschobene. Objekt — 
die Prüfung — zu hohe Werte erreicht hat; der Fassungsraum war 
gewissermaßen zu klein geworden; die Angst sprengte ihre Bande und 
kehrt nun vom harmlosen sozialen auf ihr wahres Entsteh ungsgebiet, 
das Sexuelle, zurück, und, sobald dort die Libidoverdriiugung durch 
den onanistischen Akt aufgehoben wird, ist durch diese Entspannung 
auch die Angst beseitigt. 

Solche Kinder werden schwerlich Selbstmörder werden. Sie finden 
den Weg, ihre Angst von der falschen Verbindung mit dem vorge- 
schobenen Objekte, der Schule, loszulösen und sie auf ihr ursprüngliches 
Objekt zurückzuführen, wo allein durch die Aufhebung der angst- 
erzeugenden Sexualverdrängung die erlösende Entlastung möglich ist. 

Und wenn später diese Jungen auch den weiteren Weg rechtzeitig 
finden, den Weg von der infantilen Sexualbetätigung, der Onanie, zum 
normalen Geschlechtsverkehr mit dem Weibe, dann kann man mit 
Recht die Hoffnung hegen, dass aus diesen jungen Leuten trotz aller 
vorhergegangenen neurotischen Angstanfalle noch ganz vorzügliche und 
brauchbare Menschen werden, — und vielleicht nicht einmal „trotz 8 , 
vielleicht sogar „eben deswegen". 

Wie geht es aber mit den anderen, welche ihre Sexualangst in 
der falschen Verknüpfung mit dem vorgeschobenen Objekte, der Schule 
und allem was drum und dran hängt, zähe fixiert erhalten 9 Diese 
suchen sich vorerst in derselben Weise zu helfen wie alle anderen 
Phobiker: durch Vermeidung des angsterregenderi Objektes. 



!»'.';•""• ;g«J fc < i i|S » ** tt« " » g-i i. a 






Über den Selbstmord. 23 

Der Junge, der Prüfungsangst hat, wird also die Schule möglichst oft 
schwänzen. Ms wäre recht gut, wenn sowohl Pädagogen als Eltern 
sich klar machen würden, dass das Schulschwänzen sehr oft nicht einer 
leichtsinnigen Vagantenlust entspringt, daas häufiger, als man glauht, 
die furchtbarste Angst es ist, die den Jungen möglichst fern von der 
SchuJü plan- und ziellos durch die Strassen zu irren zwingt. 

Nir.ht. alle jugendlichen Studierende haben zu diesem glatten und 
simplen Schnlschwänzen den nötigen Mut. 

Kinder, welche es nicht wagen, zur Schulzeit in den Strassen 
herum zu laufen, erreichen ihren Zweck ebensogut, indem sie zu Hause 
bleiben und irgend eine Krankheit simulieren, wobei zu bemerken ist, 
dass aus dieser ganz bewussten Simulation bei öfterer Wiederholung 
dieses Tricks, ganz echte hysterische Funktionsstörungen resultieren 
können, die somit eine bewusst eingeleitete, später durch unbewussten 
Zwang festgehaltene Konversionshysterie darstellen. 

Als letztes und radikalstes Mittel, der Prüfungsangst zu entgehen, 
bleibt noch der Selbstmord. Wenn alle Menschen, die je einmal im 
Leben von Selbstmordzwangsideen gequält wurden, diesen Impulsen 
auch tatsächlich Folge gegeben hätten, dann wäre nicht bloss die 
Menschheit dezimiert, auch alle Kultur wäre geradezu vernichtet, denn 
eben die Knitarträger hätten sich ja alle getötet, und der zurück- 
bleibende lu'ht bestände bloss aus der grossen in differenzierten Menge 
koulükt-. skrupel- und hemmungsloser Individuen. 

Zum (iliieke gehört die wirkliche Ausführung des Suicidium zu 
den seltenen Ausnahmefällen. Die Meisten begnügen sich mit den 
Selbstmordiinpulsen, und tatsächlich scheint die blosse Idee, der Angst 
ein für allemal ein Ende machen zu können, derart tröstlich zu wirken, 
dass man beinahe den Eindruck gewinnt, dass viele Menschen nur durch 
ihre Selbstmordphantasien am Leben erhalten werden. 



IV. 

Dr. J. K. Friedj u ng: 

l'jine gute Illustration zu den hier ausgeführten letzten Motiven 
der übergrossen Zahl der Selbstmorde, aber auch ein Beweis für die 
Unzulänglichkeit der auf der Hand liegenden und dann meist gern 
geglaubten Erklärung, scheint mir der Selbstmord einer jungen Frau, 
dessen Vorgeschichte mir aus zuverlässiger Quelle genau bekannt ist. 
Als hübsches nicht mehr ganz junges Mädchen gewann sie einen 
Studenten, der in der Familie verkehrte, lieb. Bald darauf verlobte 
sie sich, von ihren Angehörigen gedrängt, mit einer „guten Partie", 
löste das Verlöbnis jedoch nach wenigen Wochen auf. Damals war 



24 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

sie sehr glücklich, als ihr Geliebter, der übrigens nichts von dieser 
Liebe ahnte, ihren Entschluss gegen ihre empörte Familie verteidigte. 
Nach Jahresfrist entschloss sie sich zu einer scheinbar guten 
Heirat, ihr Mann erwies sich aber als impotent, von niasoeh istischen 
Neigungen beherrscht, dabei geistig etwas sonderbar. Vier Jahre 
trug sie diese unglückliche Ehe, wollte sich wiederholt scheiden 
lassen und gab immer wieder ihren Angehörigen nach, bis sie eines 
Tages bei diesen einen leider nicht ernst genommenen Selbstmordversuch 
mit Gift beging. Der Mann, den sie liebte, war indes Arzt geworden, 
ohne ihr besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Da kam eine kurze 
Zeit des Glücks: ein Gynäkologe hatte gewisse Beseh werden als 
Sch-wangerschaftszeichen erklärt, die Frau glaubte das fast Unmögliche, 
freute, sich auf das Kind, bis sich die Geschwulst als wachsendes 

Myoma uteri entpuppte, das nach Jahresfrist etwa per Japarotomiam 
entfernt werden musste. Nach ihrer Genesung erfuhr die Frnu irgend- 
wie, dass solches Unglück besonders oft kinderlose Frauen treffe, und 
nun steigerte sich ihre Abneigung gegen ihren „Mamr zum Hasse, da 
sie ihm die Schuld an ihrer Verstümmelung beimal. Aber eine neue 
Hoffnung erwachte: jetzt konnte sie sich dem Manne, dm sie liebte, 
ohne Gefahr nähern. Wiederholt suchte sie ihn — er war ja Arzt — 
auf, klagte ihm all ihr Leid und bot sich ihm in scliiieliferner Weise 
an. Er blieb freundschaftlich sachlich. Eines Tag*** kam sie mit 
folgendem Berichte: die letzten Wochen habe sie hei ihren Angehörigen 
zugebracht, die aber wollten sie durchaus bestimmen, zu ihrem Gatten 
zurückzukehren. Für morgen habe sie es zugesagt. Nun wolle sie von 
ihm, ihrem besten Freunde, entscheiden lassen, was sie<tun solle. Dieser 
hatte grosse Eile und sagte ihr nur einige freundliche Worte, schickte 
sie aber dann mit dem Bedeuten, diesmal durchaus keine Zeit mehr zu 
haben, fort. Die Frau ging von ihm in die Wohnung ihres Mannes 
und erhängte sich. — Die Angehörigen waren überzeugt, die Frau habe 
den Selbstmord begangen, weil sie die unglückliche Ehe nicht wieder 
aufnehmen wollte. Dem Kollegen allein war es klar, dass sie darum 
aus dem Leben geschieden sei, weil er für sie nichts, auch nicht einmal 
etwas Zeit übrig hatte. 



Dr. med. J. Sadger: 

Im Vortrage unseres Referenten glaube ich zwei Richtungen zu 
erkennen: vorerst eine mehr allgemeine, in der er die Wertlosigkeit 
aller bisherigen Betrachtungsweisen, zumal der statistischen, nach- 
drücklichst hervorhebt, dann einen mehr persönlichen Teil, der mit 



.... ._.- »»i^.- 



juluu.)«*! l«u,«|.Upil_X.. 



Über den Selbstmord. 25 

Wärme und Schwung die MittelsehuIIelirer kräftigst in Schutz nimmt. 
Mit Recht hat er ausgeführt, dass alle Autoren, sogar die ärztlichen 
den Kern der Frage stets gründlich vorbeitreffen, dass sie die nichtigsten 
und seichtesten Motive kritiklos-gläubig wiedergeben, doch nach 
dem Entscheidenden überhaupt nicht forschen. .. Entscheid end_abej*_jst 
hier wie so häufig das erotische Moment. Mich verblüffte besonders, 
"hären zu müssen, "dass gelehrtrÄrzte^o-wrädige-Motive wie „ Leidenschaft", 
, Kummer* und „ Ärger* ohne nähere Spezifizierung für genügend erachteten, 
während beispielsweise Baer, der eine Reihe verschiedener Statistiken 
anführt, bloss in einer einzigen überhaupt und da nur in fünf Fällen 
die Liebe als Ursache von Schülerselbstmorden zu entdecken vermochte. 
Ein Verfahren, so oberflächlich und unwissenschaftlich, dass man ver- 
sucht ist, auch hier den bekannten allgemeinen Widerstand gegen jede 
erotische Ätiologie schuldtragend zu machen. Um die sexuellen Motive 
zu erforschen, muss man nun allerdings dringlich suchen, sonst wird 
man .sie niemals zu Tage schürfen. Nicht etwa, weil sie nicht bestünden, 
sondern darum, weil jeglicher Examinierte sie gern unterdrückt, umso- 
mehr als im Grunde die Nachforscher selber sie nicht sehen mögen, 
aus eigner unterdrückter Erotik heraus. Nur wer mit Vorsatz darauf 
pürscht, nicht bewusst, noch unbewusst alles Geschlechtliche übersieht, 
wird in den allermeisten Fällen von Schülerselbstmorden genügend 
Sexuelles linden als Tiefstes und wirklich Ausschlaggebendes. 

Vielleicht kommt manchem ein Beispiel aus der Klinik zu Sinn. 
Die Zeit ist noch nicht so lange entfernt, dass man bei Gehirnerweichung 
und Rückenmarksschwindsucht durchaus nicht Syphilis als einzige Ursache 
zugeben mochte, sondern allen möglichen andern Faktoren die Schuld 
hierfür zuschob. Erst nachdem anerkannte Autoritäten stets wieder 
auf die luetische Infektion als Grundursache hinwiesen, begannen 
auch die Widerstrebenden immer häufiger diese Quelle zu entdecken, 
.letzt huh auch die Fragestellung an, anders zu lauten und weit ver- 
lässlichere Resultate zu geben. Wenn man vordem zaghaft, gewisser- 
maßen sich selber genierend, examiniert hatte: „Ich will Ihnen nicht 
nahet reteti, aber haben Sie Sich vielleicht einmal infiziert:"', antwortete 
der Kranke in den meisten Fällen natürlich mit „Nein!* Nun fragte 
man ruhig und bestimmt. „Wann haben Sie Sich Ihren Schanker 
geholt?- und bekam in der Regel die Wahrheit zu hören. 

Seine Liebessachen pflegt man in gesunden Tagen nun nicht 
einfach au die grosse Glocke zu hängen. Darnach muss man forschen, 
eindringlich forschen, der Arzt muss mit menschlich-warmer Teilnahme 
dem andern zu Gemüte reden, so er nicht stets betrogen sein will. 
Lügen doch die Menschen nirgends so oft und derart hartnäckig als 
über die Äusserungen ihres Geschlechtstriebs. Bloss wer von Haus aus 
sehr ehrlich ist und starken Charakters, wird da ohne Zwang die 



26 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

Wahrheit bekennen. Gemeinhin eröffnet man sich nur jenem, der 
einem sichtbare Liebe schenkt. Vermag doch niemand ohne Liebe zu 
leben, und am wenigsten in der Pubertät, allerhöchstens ohne (»esehlechts- 
betätigung. 

Prüfen wir nunmehr die landläufig angegebenen Ursachen der 
Schülerselbstmorde, so sehe ich zunächst von jenen ab, die mangelhaft 
erforscht sind. Wer Leidenschaft und Kummer, diesen unbestimmten 
Begriffen, nun näher an den Leib rückt, wird oft genug linden, dass 
es sich minder um banalen Kummer und Alltagsleidensehaften handelt, 
denn um Liebeskummer und Liebesempfinden, um mangelnde 
Zärtlichkeit der Umgebung. Das Nämliche gilt von den unbekannten 
Motiven. Nun zu einigen ernster zu nehmenden Ursachen, wie schwere 
Belastung, ja Geisteskrankheit, Selbstmordmanie in einzelnen Familien, 
endlich Selbstmord aus Nachahmung und Sugg estion. Wir wissen 
tatsächlich, dass eines der Kardinalstigmen schwerer Belastung, der 
chronische Trübsinn, der dann gewöhnlich in der Pubertät zum Ausbruch 
kommt.' Doch haben mich meine Psychoanalysen stets wieder belehrt, 
dass dieser Zusammenhang zwar richtig ist, doch mit nichten erschöpfend. 
Vor kurzem z. B. beschrieb ich den Fall eines 32 jährigen Mannes aus 
äusserst schwer belasteter Familie. Unter anderm litt er an red izi vierenden 
Anfälleu tiefster Schwermut, die den Gedanken an Selbstmord ihm nahe- 
legten. Allein es Hess sich durch die Psychoanalyse erweisen, dass 
jede einzelne Schwermutsattaque von sexuellen Gründen ausgelöst wurde. 
Das gilt nun nicht etwa bloss für den eben beschriebenen Fall, sondern 
ist, wie gehäufte Erfahrung mich lehrte, als Regel zu nehmen. 
Wenigstens konnte ich in allen Fällen, die ich zu analysieren Gelegenheit 
hatte, da neben dem konstitutionellen Faktor, der als conditio sine 
qua non nicht geleugnet werden darf, sexuelle Motive mindestens als 
unmittelbar auslösend stets aufzeigen. 

Nicht anders ist's mit dem familären Selbstmord besteilt, sowie 
jenem aus Suggestion und Nachahmung. Auch hier trifft neuerdings 
durchaus zu, dass eine angeborene Minderwertigkeit, ein konstitutioneller 
Faktor besteht. Man erfährt z. B., dass in einer Familie der Vater 
sich in bestimmten Jahren erschossen habe. Dann wachsen seine Söhne 
heran und in der nämlichen Lebensepoche greifen sie alle zur gleichen 
Waffe. Nur dünkt mich da jedesmal noch ein zweites Moment im 
Spiele zu sein, dem durchaus nicht mindere Bedeutung zukommt: die 
Identifizierung mit dem Vater nämlich, entweder, wie so häufig, aus 
grosser Liebe, oder auch auf grund des nämlichen ätiologischen An- 
spruchs, der uns später bei den Schülerselbstmorden noch beschäftigen 
w T ird. Grundlegend jedoch bleibt immer die Liebe oder ungestilltes 
Bedürfnis nach ihr. Ja, sogar die Psychosen liefern ein glänzendes 
Beispiel hierfür. Auch der Geisteskranke begeht keinen Selbstmord 



Über den Selbstmord. 27 

ohne subjektiv für ihn zwingende Gründe, welche wir bloss freilich 
selten erraten. Nicht umsonst ist die Selbstmordpsychose war i^o^v, 
die Melancholie, eine Alterserkrankung, von Menschen also, die selber 
Minderung ihrer eigenen Liebefähigkeit wahrnehmen und auch von 
andern keine Liebe mehr zu erhoffen haben. Wenn solche Melancholiker 
auch bei grossem Geldreichtum ganz typisch klagen, sie seien verarmt, 
so wissen wir heute, dass im Grunde sie Recht haben und nicht die 
Gesunden, die in ihrem verständnislosen Hochmut sie gar nicht begreifen'. 
Denn nicht an Geld sind jene verarmt, wohl aber an Liebe. Und hier 
möchte ich aus meiner Erfahrung den Satz aufstellen: Das Leben 
gibt bloss jener auf, der Liebe zu erhoffen aufgeben 
m u s s t e ! 

Nur lasse man niemals ausser Betracht, dass neben der Liebe 
zum anderen Geschlecht, an die man bei diesem Worte stets denkt, 
auch eine homosexuelle Liebe besteht, d. h. eine solche zum eignen 
Geschlechte, die in manchen Perioden unseres Lebens, u. z. hei jedem, 
auch dem Allernormalsten, sich oft stärker erweist als die heterosexuelle. 
Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen, füge ich hinzu, dass wohl zu 
unterscheiden ist zwischen homosexueller Neigung des Menschen und 
homosexueller sinnlicher Betätigung. Die erstere ist Regel bei allen 
Menschen, die letztere Ausnahme und als Dauerphünomen den Perversen 
zukommend. Eine homosexuelle Neigung jedoch liegt jeder echten, 
lebenslänglichen Freundschaft zugrunde, jeder starken Sympathie für 
Personen seines eignen Geschlechtes, und sie spielt in dieser häufigsten, 
sublimieiteu Form eine ungeheure Rolle im Alltagsleben, ohne dass 
auch nur der leiseste Wunsch nach homosexueller Betätigung vorhanden. 
Ja, Leute mit einem solchen Empfinden erleben in der Ehe nicht selten 
ein durchaus echtes Glück. 

Nun zu dem speziellen Vortragsthema, den Schülerselbstmorden, 
deren übergrosse Mehrheit in den Jahren der Pubertät erfolgt. Was 
ist dieser Lebenszeit eigentümlich? Vor allem ein ungeheures Liebes- 
bedürfuis, doch eigentlich erst später zum andern Geschlecht als zu dem 
eignen. Ein Punkt, der beinahe ausnahmslos vollständig übersehen 
wird. Nehmen wir dazu, dass in diesen Jahren in der Regel die sexuelle 
Aufklärung erfolgt mit all dem Gefühlssturm, den sie in jedem Menschen 
erweckt, so haben wir die tiefern Ursachen beisammen für die grosse 
Mehrzahl der Schülerselbstmorde. Mit jener Aufklärung Hand in Hand 
geht zunächst für die Meisten ein grosses Erschrecken. Nicht wenige 
antworten mit einer kompletten Sexual -Verdrängung oder lassen zumindest 
jene Aufklärung nicht für- die Allergeliebtesten gelten: die eigenen 
Eltern. , Andere mögen ja Schweine sein, doch von meinem Vater und 
meiner Mutter glaube ich das nicht!" kann man öfters hören, von 
Mädchen wie Jünglingen. Die meisten jedoch fühlen sich betrogen, in 



28 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

ihrem heiligsten Vertrauen getäuscht. Sie können es den Klroni niemals 
verzeihen, vor allem dem gleichgeschlechtlichen Teil ans tiefster 

homosexueller Neigung heraus. Nunmehr, da sie Union .dahinter- 
gekommen", hört alle bisherige Offenheit auf, das gewohnt Erzählen 
selbst alltäglicher Dinge. Von Tag zu Tag entfremden sieh die Kinder 
den Eltern mehr, seit ihnen die Augen geöffnet wurden. I) ot di das 
Liebesbedürfnis ist viel zu mächtig, als dass es. sich erröten Hesse, und 
also brechen trotz aller feindlichen, ja Hasses-Regungen immer wieder 
Zärtlichkeitsanfalle durch. Dann trachtet das Kind sieh zumal dem 
gleichgeschlechtlichen Teile immer wieder unter einem Vorwand zu 
nähern, etwa weil es sich so unglücklich fühle, die Zukunft in düstersten 
Farben schaue u. dgi. Allgemeinheiten mehr. Nur besitzen leider die 
wenigsten Eltern genügend psychologisches Verständnis für solche 
Ausbrüche. Sie nehmen die Worte ihrer Kinder buchstäblich, statt 
hinter ihnen Tiefres zu suchen. Drum trachten sie jene Allgemeinheiten 
mit Verstandesgründen auszureden, ja, dünken sich vielleicht noch sehr 
überlegen, weil sie ihr Kind so „vernünftig" trösteten. Dass sie hier 
einfach vorbeigeredet, ihr Liebstes gar nicht verstanden haben, dessen 
Liebessehnen so ganz und gar nicht entgegenkamen, dringt nach meiner 
Erfahrung ihnen nie zu Sinn. "Und dann verwundern sie sied» höchlich 
darüber, wenn ihnen die Kinder herzfremd werden, welche sie. doch 
stets so geliebt und gehegt! 0, über diese Vernunftidioten ! liier, wo 
nach einem Jungschen Wort „die Bedeutung des Vaters für das 
Schicksal des Einzelnen" tatsächlich ausschlaggebend wäre, versagen die 
Väter fast immer ganz. 

Nach diesem gewaltigen Seelenschiffbruch sucht .ler Knabe für 
sein grosses homosexuelles Bedürfnis ein anderes Objekt. Am nächsten 
liegt ihm schon seit der Volksschule der typische Vertreter seines Vaters : 
der Mittelschullehrer. Doch hier folgt meist noch ärgere Enttäuschung. 
Versteht doch das Gros dieser Professoren die Knabenseele noch um 
vieles minder als die Lehrer der elementaren Klassen. Diese wissen gar 
wohl, wenn sie einsichtig sind, dass jedwedes Kind ein Schwärmerei- 
bedürfnis besitzt, seine homo- wie heterosexuelle Neigung. Es folgt 
tatsächlich errötend den Spuren des Lehrers oder der Lehrerin, ist 
hochbeglückt, so es ihnen die Hefte nach Hause tragen oder Studien- 
behelfe zubringen darf, versucht auch stets wieder, ihm kleine Liebes- 
beweise zu geben wie etwa Geschenke oft lächerlichster Art, kurz es 
beträgt sich wie ein Verliebter. Der richtige Lehrer weiss ganz genau, 
dass das Kind nur dann ihm sein Allerbestes hergibt und eifrigst lernt, 
wenn er zuvor dessen Neigung gewonnen. Doch unsere Mittelschul- 
professoren — und darin liegt ihre wirkliche Schuld an den Schüler- 
selbstmorden — sind da weit schlechtere Psychologen, wogegen sie 
freilich einwenden können, die Seele Halbwüchsiger sei mimler durch- 



Über den Selbstmord. 29 

sichtig als jene der Kinder. Meist begnügen sie sich damit, ihr Bestes 
zu geben, statt der Kinder Bestes herauszulocken durch ihre Liebe. 
Ich weiss aus eigner, seitdem auch reichlich bei vielen andern erprobten 
Erfahrung, dass man nur bei jenem Professor viel lernt, für den man 
Sympathie empfindet, während ein persönlich antipathischer Lehrer, 
d. h. ein solcher, zu dem man kein Herzensverhältnis gewinnt, einem 
meist auch interessante Fächer dauernd verleidet. Die Knaben besitzen 
ein feines Ohr für jede Äusserung warmer Liebe und, wenn sie der 
Aufsässigkeit ihrer Lehrer Schuld geben, dass sie mangelhaft lernen,- 
so haben sie Recht. Allerdings nicht in dem landläufigen Sinne, dass 
jene sie ungerecht judizierten, sondern weil sie ihnen die Liebe versagten, 
ohne diu sie ihr Bestes nicht einsetzen können., „Der Professor ist mir 
aufsässig" heisst richtiger und wahrer: „er liebt mich nicht, wie soll 
ich ihm da zu Danke lernen?" Nun kommt noch dazu, dass die 
schwere Sexuainot, die die Pubertät in dem Knaben auslöst, jedes andere 
Interesse oft ganz absorbiert, sodass ihm fürs Lernen nicht Zeit noch 
Lust bleibt. Jeder Mittel schullehr er kennt die Erscheinung, dass so viele 
Jungen urplötzlich versagen und sich höchstens noch ganz notdürftig 
mitschleppen. Es können z. B. aus ehemaligen Vorzugsschülern solche 
werden, denen man das Durchkommen schenken muss. Bloss dass der 
Grund in tief erotischen Konflikten zu suchen, erraten unsere Professoren 
ausnehmend selten. Ich verkenne nun nicht und weiss sogar selber 
geborene Pädagogen zu nennen, welche solchen Knaben warm ins 
Gemüt /u reden verstehen und dadurch, dass sie ein volles Herz von 
Liebe verschenkten, tatsächlich erfreulichen Wandel erzielten. Nur ist 
dies leider die verschwindende Ausnahme, ein Fall unter tausend. Ge- 
meinhin findet der Knabe nirgends Verständnis noch warmes Entgegen- 
kommen. Muss aber der überall in seinem Liebessehnen Getäuschte 
auch auf des Professors Neigung noch verzichten, dann gibt dies nicht 
selten ihn letzten Ausschlag zu vollem Verzweifeln. Von da bis zum 
Selbstmord iiti.s irgend einem äusseren Grunde ist bloss mehr ein Schritt. 
Das schlt rlite Zeugnis, ein drohender Durchfall oder Dummheiten, welche 
man sonst gemacht, ja sogar die Nachahmung eines Selbstmörders, mit 
dem der gleiche ätiologische Anspruch einen verbindet, z. B. Onanie, 
um derentwillen sich jener entleibte, all das ist bestenfalls Anstoss und 
Auslösung. Entscheidend jedoch und ausschlaggebend bleibt einzig die 
unerwideite Liebe! Denn neuerdings muss ich es wiederholen. Sein 
Leben wirft nur der Jüngling weg, der die Hoffnung auf Liebe aut- 
gehen musste. Hier müsste das Verständnis der Mittelschullehrer 
hilfreich einsetzen, denen freilich zuvor selbst den Star zu stechen 
notwendig wäre. Wenn unsere Professoren liebreicher geworden, weil 
die Seele der Knaben besser verstehend, dann werden auch die Schüler- 
selbstmorde weit seltener zu beklagen sein! 



30 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

• VI. 
Dr. Wilhelm Stekel: 

Unsere Diskussion hat uns gezeigt, wie verschieden die Anschau- 
ungen über den Selbstmord sind. Hat doch beispielsweise Kollege 
Federn den Selbstmord als ein Symptom der Gesundheit aufgefasst. 
Er steht mit dieser Ansicht nicht allein. 

Es fehlt nicht an Philosophen und Dichtern, die den Selbstmord 
als eine grosse, geradezu erhabene Idee auffassen. Singt; doch der 
Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer dem „ersten Selbstmörder* 
eine gedankenvolle, stolz dahinbrausende Hymne, deren erste Verse 
lauten : 

„Dich möcht'ich kennen, stolzer Göttersohn, 

Der du zuerst im ungeheuren Schmerz, 

Dem ew'gen Fluch, der blassen Furcht zum Hohn 

Den Stahl gezücket auf das eig'ne Herz; 

Der du zuerst geboren und erfasst 
Den Wutgedanken, den kein Mensch noch trug; 
Von dir zu schleudern dieses Lebens Last, 
Den Blitz, der noch in keine Seele schlug.« 
Andere sprechen von einem „konsequenten" Selbstmord: wir 
kennen ja Berichte, dass ein Individuum, wie es im klassischen Altertum 
häufig der Fall war, „aus der Summe der Erkenntnis heraus, als das 
Fazit eines Langen, gedankenreichen Lebens, ohne Affekt, ohne äusseren 
Zwang in den Tod geht, wenn der Betreffende von der Welt nichts 
mehr erwartete und ihr nichts mehr geben konnte," eine Art des Selbst- 
mordes, die Frau Dr. Stelzner (Analyse von 200 Selbstmordfällen; 
Berlin 1906, S. Karger) als „philosophischen Selbstmord" bezeichnet. 
Wollte man doch den Selbstmord des jungen Weininger als einen 
solchen philosophischen Selbstmord darstellen! 

Ich glaube nicht an den „Selbstmord" als freiwilliges, stolzes, 
erlösendes Ende eines Gesunden. Ich glaube nicht an den konsequenten 
und philosophischen Selbstmord. Wer weiss denn, was sich hinter den 
Kulissen abgespielt hat? Welche innere Tragödie so als Weltschmerz 
rationalisiert ein rasches Ende gefunden hat? 

Doch gäbe es solche philosophische Selbstmörder, wir wollen heute 
von ihnen nicht sprechen. Auch nicht von dem Selbstmord jener Un- 
glücklichen, denen tatsächlich kein anderer Ausweg aus dein Labyrinth 
von Schmerz und Kummer, von Konflikten und Demütigungen zur 
"Verfügung steht, als die Flucht aus dem Leben. Wir wollen hier eine 
merkwürdige Erscheinung betrachten, die schon die Aufmerksamkeit 
verschiedener Psychologen auf sich gezogen hat, nämlich: die sich 
häufenden Selbstmorde junger Menschen, die eben erwachsen, noch halb 



Über den Selbstmord. 31 

Kind sind, die plötzlich unvermutet aus einer scheinbar geringfügigen 
Ursache heraus zur entsetzlichen Überraschung ihrer Umgebung 
dem Leben ein Ende machen. Wie genaue Statistiken ergeben, fallt 
die Hauptanzahl der scheinbar geistig gesunden Selbstmörder auf das 
Alter zwischen 15 und 25 Jahre. 

Worin mag die Ursache dieser Erscheinung liegen, dass die Selbst- 
morde junger Menschen eine so erschreckende Zunahme zeigen? (Neuerdings 
will man diese Zunahme nicht zugeben. Die Statistik ist dehnbar! — ) Auch 
der Selbstmord im Kindesalter, eine früher fast unbekannte Erscheinung, 
nimmt mit unheimlicher Konstanz von Jahr zu Jahr zu. Handelt es 
sicli in allen diesen Fällen um gesunde Menschen mit lebhaften Affekten, 
die geneigt sind, die Wichtigkeit des Moments zu überschätzen, oder 
haben jene Autoren recht, die jeden Selbstmord als den Ausdruck 
einer abnormen geistigen Veranlagung ansehen, einer Psychose, die 
bisher latent verlaufen ist und keine Symptome gezeigt hat? Oder ist 
der Selbstmord nur das Symptom einer Neurose, der „Dissociation 
mentale?- Lemaitre neigt der letzteren Ansicht zu. (A propos des 
suicides des jeunes gens; Archives de Psychologie, T. IV, Nr. 15). 
Durch einen Zufall war er in die Lage gekommen, vier Leute, die 
Selbstmord begangen hatten, vorher zu untersuchen und bemerkte an 
ihnen gewisse psychische Abnormitäten. Der erste wäre ein Hysteriker 
gewesen : der zweite litt an verschiedenen Störungen des Gedächtnisses, 
und der dritte zeigte eine audition colore. Auch den vierten Fall 
möchte er als geistig nicht normal bezeichnen. 

Nun zeigt sich gerade bei solchen Gelegenheiten, wie schwierig 
die Grenze zwischen Krankheit und Gesundheit zu ziehen ist. Sollte 
jeder Mensch, der irgendeine Abnormität aufweist, geistig abnormal 
sein, so würde unter den Gebildeten kaum ein Gesunder zu 
finden sein. Denn wir tragen alle ein heimliches Stück einer Neurose 
(und vielleicht noch eher ein Stück einer Psychose) mit uns herum. 
Wir all.- sind im gewissen Sinne nerven- und geisteskrank. Es gibt 
eigentlich keinen Kanon für die geistige Gesundheit des Normal- 
menschen. 

Doch was beweisen denn diese Untersuchungen von Lemaitre, 
Eulen bürg, Gaupp, Baer und anderen, wenn sie uns so wenig 
aus dem Seelenleben der Selbstmörder erzählen können? Nur die 
Psychoanalyse kann uns über die geheimen Motive des Suicidiums 
Aut'schliu-s geben. Mit der Konstatieruug, dass der Selbstmörder X. 
ein Neurotiker gewesen, ist uns nichts gedient. 

Nein, ich glaube es ist ein zu wohlfeiler Ausweg, wenn wir, um 
unser Gewissen zu entlasten, einfach sagen, es habe sich bei allen 
Selbst mürdern um Kranke gehandelt, um psychisch Minderwertige, um die 
es ohnehin nicht schade war. Die Wurzeln dieser Erscheinung müssen 



32 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

tiefer liegen, müssen speziell in den Verhältnissen unserer Zeit begründet 
sein. Wo ist das allen Fällen Gemeinsame? St el zu er meint: 
„Wie man sich auch bemühen mag, die Selbstmordfälle einzuteilen, zum 
Beispiel in solche geistig gesunder und geistig kranker Personen, nach 
der Art der Psychosen oder nach den auslösenden Ursachen, mit einer 
einzigen Ausnahme bleibt für alle Formen ein gemeinsames Merkmal* 
eine Einengung aller psychischen Fähigkeiten, das Unvermögen, sieh 
mit Hilfe des Willens, des Verstandes oder der Phantasie einen Ausweg 
oder eine Änderung des unhaltbaren Zustandes vorzustellen, und mit 
Hilfe der Idee eines Auswegs sich dem Zwang der Selbstmord vmstel hing 
zu entreissen. Nicht nur die Überwertigkeit der letzteren, sondern vor 
allem auch das Versagen aller Gegen- und Auswegvorstel hingen spielt 
die entscheidende Rolle. Goethe legt etwa in demselben Sinne Weither 
in einem Gespräch über dies Thema das Wort in den Mund: Die 
Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinth der verworrenen, 
widerstrebenden Kräfte, und der Mensch muss sterben." 

Aber warum findet die Natur keinen Ausweg? Welche uelieime 
Kraft zerstört alle Hoffnungsgedanken und versperrt alle Auswege und 
Aussichten? Und gerade bei jungen Menschen, vor denen noch das 
ganze Leben steht? Wie kommt diese Aussichtslosigkeit bei Kindern 
zustande ? 

Wir werden dem Verständnisse des Kinderselbstmordes nie näher 
kommen, wenn wir nicht auf die Psychologie des Selbstmord es bei Rr- 
wachsenen eingehen. Es ist richtig, dass lür die Kinder einige andere 
Gesichtspunkte in Frage kommen. Aber nur einige. Die grossen 
Grundzüge bleiben für beide Formen des Selbstmordes die gleichen. 
Die Auslösung eines Selbstmordes kommt bei Kindern leichler zustande. 
Ihre Neigung zu Atfektivität im Vereine mit der diesem Aller eigenen 
Überschätzung des Affektes, bewirkt es, dass unter gleichen Umstünden 
bei Kindern die Idee eines Selbstmordes viel leichter zur Tat werden 
kann. Die Veranlassungen zu einem Selbstmorde* sind oft liielierlich 
geringfügige. Gerade das scheint mir ein Beweis zu sein, dass wir hinter 
den auslösenden Momenten stärkere Kräfte suchen müssen, die der ober- 
flächlichen Forschung unerkannt bleiben, dem Psychoanalytiker jedoch 
sich mehr oder minder deutlich erschliessen. 

Es gehörte eine Zeitlang geradezu zum guten Ton des gebildeten 
Europäers, auf die Schule loszuschlagen und die Schule für den Schüler- 
Selbstmord verantwortlich zu machen. Jene Fälle, die ich zu analysieren 
Gelegenheit hatte, zeigten mir, dass die Schule nur als auslösendes 
Moment in Frage kommt. Furcht vor Strafe, schlechte Behandlung von 
Seiten des Lehrers, mangelhaftes Fortkommen in der Schule sind sicher- 
lich — und das möchte ich mit aller Energie betonen — nicht die 
alleinige Ursache eines Selbstmordes. 



T-TtT-TT—"-n-~- \- j 



Ül>er den Selbstmord. . !J3 

Für «len Kinderselbstmord gilt dasselbe, wie für den der Er- 
wachsenen: Er ist eine Strafe, die der aus dem Leben Scheidende an 
sich selbst vollzogen hat. Das Prinzip der Talion scheint mir dabei 
die Hauptrolle zu spielen. Niemand tötet sich selbst, der nicht 
einen anderen tötenwollte, oder zum indest einem andern 
den Tod gewünscht hätte! Wir Psychoanalytiker wissen es, wie 
gewaltig dieses Spiel mit Todesgedanken, das ebenso die nächsten 
Angehörigen wie ferner Stehende umfasst, beim Zustandekommen der 
Neurose mitwirkt. Wir sehen es fast täglich, wie das tiefe Schuld- 
bewusstsein des Kranken, seine verbrecherischen Neigungen von ihm 
stürmisch eine Strafe fordern, und wir sind immer in der Lage festzu- 
stellen, dass die Neurose neben dem Lustgewinn, den sie dem Kranken 
bietet, einem Lustgewinn,' der sich in der Tendenz zur Flucht in die 
Krankheit ausdrückt, auch die Strafe darstellt, zu der der Neurotiker 
sich für seine sündhaften Wünsche und Phantasien verurteilt hat. 

Stärker noch als bei den Erwachsenen spielt bei den Kindern der 
Tod in ihre Phantasien, in ihre Tag- und Nachtträume hinein. Aus- 
sprüche wie: „Wenn der Papa stirbt, so heirate ich die Mama!" Oder: 
„Onkel, wenn Du gestorben bist, so nehme ich mir Deinen Stock mit 
dem silbernen Knopf* u. dergl. gehören zu den alltäglichen Vorkomm- 
nissen. Bedenken wir auch, dass die an den Kindern vollzogenen 
Strafen lla.su und Rachgefühle wecken, die nicht abreagiert werden ' 
können und einer Abfuhr zustreben. Diese Hassgedanken gipfeln häufig 
genug in Tudeswünsehen, die anfangs offen, später jedoch heimlich und 
versteckt aultreten, verdrängt und zu Bildnern neurotischer Symptome 
werden. Dass Kinder dem verhassten Lehrer den Tod wünschen, ist 
eine alltägliche Erscheinung; — zumindest gönnen sie ihm eine Krank- 
heit. Und wie häufig verbirgt sich hinter der drohenden Gestalt des 
Lehrers eine für das Leben des Kindes viel wichtigere Figur — : 
Der Vater!! Wenn nun religiöse Kräfte, von deren Bedeutung wir 
bald zu reden haben werden, im Sinne von Hemmungen und Belastungen 
mitzuwirken beginnen, so ist der psychische Konflikt fertig. Das «-e- 
heime (iericht des Unbewussten, geht nach dem Prinzip der Talion vor 
„Auge um Auge«. Zahn um Zahn"; es erklärt sich seiner Todeswünsche 
wegen für .schuldig und verurteilt sich zum Tode. Der Selbstmord er- 
scheint MuniL als das Urteil eines komplizierten endopsychischen 
Prozesses, die letzte Szene im letzten Akte eines sich langsam abrollenden 
Seelendranias. 

Dn.li M j einlach determiniert sind die seelischen Phänomen nicht. 
Mit der Mi;.!.' liir die eigenen Vergehen paart sich das Verlangen, die 
Kitern, die Kr/ieher, die Lehrer in empfindlichster Weise zu strafen. 
,Du sulUl. s, htm selien, wohin mich Deine Hartherzigkeit, Dein Mangel 
an Liebe getrieben haben." Während der verschiedenen Krankheiten, 

Wiener lnsl.u?.-,i..iii!U. (lieft 1.) -j 



34 



, Wiener £bychoanalytische Diskussionen". 



die das Kind durchgemacht hat, hat es bemerkt, dass die Kitern ihr 
Benehmen verwandeln, Wenn dem kindlichen Leben Gefahr droht. Die 
Kinder wollen den Eltern den höchsten, teuersten Besitz rauben: das 
Leben des Kindes. Sie sind dessen sicher, dass sie auf di« v se Weise ihren 
Autoritäten den grösstmöglichsten Schmerz zufügen. Die an sich voll- 
zogene Strafe ist also zugleich die Bestrafung der vermeintlichen Urheber 
ihrer Leiden. 

In unserer Diskussion war auch von dem Einflüsse der Religion 
die Rede. Es wurde die Vermutung ausgesprochen, dass die kindische 
Vorstellung von den Freuden, die unser im Himmel warfen, dem .Selbst- 
mord Vorschub leistet. Die Statistik spricht nicht für diese Annahme. 
Im Gegenteil! In romanischen Ländern, wo der Glaube fest im Gemiite 
der Bevölkerung wurzelt, ist der Selbstmord verhältni-nin'il.ag selten. 
Während beispielsweise in Deutschland im Jahre 1S;)| W auf eine 
Million Einwohner jährlich 212, in Frankreich 225, in Dänemark 2-10 
Selbstmorde kamen, zeigt das tief religiöse England nur S7, Italien nur 
56 und Spanien, die Zwingburg des Klerikalismus, nur IS Selbstmorde 
auf eine Million Einwohner. Nach meinen Er f a li r ii n g i» n ist 
eine tiefe, wahre Religiosität eher geeignet den Selbst- 
mord zu hemmen, wie ja die Neurose zum Teile aus einem Kon- 
flikte zwischen Glauben und Unglauben erwächst — einem Konflikte, 
der im wesentlichen auf einen Kampf zwischen Intellekt und Affekt 
zurückgeht. Andrerseits hat das Christentum sich von jeher bemüht 
die Tendenz zum Selbstmorde zu unterdrücken. Mir fllllf hier ein 
treffendes Aphorisma von Nietzsche ein: „Das Christentum hat 
das zur Zeit seiner Entstehung ungeheure Verlangen 
nach dem Selbstmorde zu einem Hebel seiner Macht ge- 
macht; es Hess nur zwei Formen des Selbstmordes übrig, 
umkleidete sie mit der höchsten Würde und den höchsten 
Hoffnungen und verbot alle anderen auf eine furchtbare 
Weise. Aber das Martyrium und die langsame Selbst- 
entleibung des Asketen waren erlaubt." 

Durch diese Ausführungen des grossen Philosophen schimmert ein 
zweites Problem, der „ chronische Selbstmord". Ich verstehe 
darunter die Tendenz, sich nicht auf einmal durch einen heroischen Akt, 
sondern durch eine Reihe von Entbehrungen des Lebens zu berauben. 
Gerade diese Form ist bei Kindern gar nicht selten. Denken wir an 
die Fälle von hysterischer Nahrungsverweigerung, von vollständiger, bis 
zum Ekel vor jeder Nahrung sich steigender Appetitlosigkeit (die freilich 
auch andere Wurzeln hat), denken wir ferner an die leichtsinnige Art, 
mit welcher manche Kinder sich bewusst Verkühlungen und Infektionen 
aussetzen, und wir werden berücksichtigen müssen, dass auch diese Form 
des Selbstmordes bei der psychologischen Erforschung des Problems mit 



7->=-^wic<f-: ■>---..— — • . wiw;XW *55jB3flMBMSHffBWi^ ME { S BgBgCS5S 3£; ~ZPt 




in Betracht zu ziehen ^.Speziell eine Form, des chronischen Selbst- 
mordes verdient eine gesonderte Besprechung, Ich meine die Onanie. 
Es ist wenig bekannt,, dftss die Onanie aucH.als Strafe und Busse, als 
ein Mittel, sich das Leben zu verkürzen, augewendet wird. Die Ver- 
knüpfung von Lust und; Strafe ist una ja ..nichts Unbekanntes. Wir 
brauchen nur an den Flagellantisjnus «„d an, die Askesen wunderlicher 
Heiliger zu denken. Wir .werden später ersehen, welch gewaltige Rolle 
der Onanie beim Zustandekommen eines Selbstmordes zukommt. Ich 
möchte aber schon jetzt betonen, dass die Drohungen der Eltern, welche 
Kindern die Onanie dadurch abgewöhnen v! wollen, dass sie ihnen die 
furchtbarsten Folgen für -Leben und Gesundheit bei Fortsetzung des 
Lasters prophezeien, oft den entgegengesetzten Effekt haben: gerade 
um das Leben zu verkürzenj setzen manche störrischen Kinder die Onanie 
fort; für die geheime Lust büssen sie dadurch, dass sie einen Teil ihrer 
Lebenskraft zu opfern wähnen; Das Verbotene und das gruselige Spiel 
mit dem Tode erhöhen den Reiz des Lustgewinnes. 

Bevor ich auf die Bedeutung der Onanie für das Zustandekommen 
eines Selbstmordes eingehe, möchte ich noch die merkwürdige Be- 
obachtung mitteilen, dass in kinderarmen Familien der Selbstmord viel 
häutiger ist, als in kinderreichen. Wiederholt habe ich es beobachtet, 
dass der einzige Sohn, oder die einzige Tochter sich das Leben ge- 
nommen huben. Das gibt uns zu denken. Wir haben schon längst 
konstatieren können, dass das Ein- und Zweikindersystem mit in Rech- 
nung zu stellen ist, .wenn man nach . den .Ursachen des Überhand- 
nehmen der Neurose forscht. Notwendigerweise muss das Zweikinder- 
system in seiner übertriebenen Zärtlichkeit^^ i Kinderselbstmorde steigern. 
Wo wenig Kinder da sind l >w^^iJ^-i)lirgeiz,;in maßloser Weise ent- 
flammt. Die Eltern erwarten von ^^d^ldie Erfüllung aller weit- 
tragenden Pläne, die sie selbst nicht' yerwirklichen konnten. Das Kind 
soll das beste in der Schule sein, soll allen .anderen voraus kommen, 
soll etwas Grosses werden, ein grosser Künstler u. s. w. So lange sich 
das Kind in diesen Ehrgeizträumen wiegen kann, wird es von Lebens- 
freude erfüllt. Eines Tages jedoch kommt der Bankerott dieser Pläne, 
die Luftschlösser stürzen ein, das erwachsene Kind sieht das Unmögliche 
ein, das „Ürösste" zu erreichen, es fehlt ihm .die Genügsamkeit sich mit 
dem „Möglichen" zu bescheiden, und so entsteht ein neues Motiv, auf 
ein Leben ohne Erfüllung der geheimen Wünsche zu verzichten. Gerade 
durch die ursprünglich völlig angenommene. Überschätzung der Eltern 
wird einer folgenschweren eigenen Unterschätzung die Bahn frei 
gemacht. 

Kollege Sa dger hat sehr richtig bemerkt, dass die Menschen sich 
nur dann das Leben nehmen, wenn sie keine Liebe mehr zu erwarten haben. 
Allein diese Formel bedarf noch der Ergänzung und der Vertiefung. Es 






ae 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen'"'. 



gibt Menschen, die den Mut zur Liebe verloren, denen Hemmungs- 
vorstellungen, Imperative der Eltern und der Gesellschaft den Genuas 
der Liebe geraubt haben, die unfähig sind, Libido ohne S.-huldbewusst- 
sein zu empfinden. Ich denke hier an ein Mädchen, das von glühender 
Liebeslust erfüllt war, das alle Instinkte dazu drängten, sich sexuell 
auszuleben, das jedoch eine , übermoralische Erziehung mit so vielen Ver- 
boten und Hemmungen umgeben hatte, däss es schliesslich keinen 
anderen Ausweg wusste, als aus dem Leben zu gehen. Die Angst 
vor der Liebe war fast so gross, als das Verlangen nach ihr. Sie war zu 
schwach, ihre sexuellen Instinkte auszuleben, zu moralisch, zu schwer 
mit bürgerlicher hausbackener Moral belastet. Anderersei ts war das 
Leben ohne Ausleben der erotischen Instinkte für sie nicht lehenswert 
und so wollte sie den unlöslichen Konflikt dadurch liVseu, «Ins* sie zu 
sterben beschloss. 

Allerdings beweist uns dieser Fall auch die Wahrheit der von 
Freud vorgebrachten Beobachtungen, dass Selbstmorde <<-hv hiiufig 
mit Inzestgedanken zu tun haben, die ja die Quelle des licl'sl.n Schuld- 
bewusstseins darstellen. Auch dieses Mädchen hatte "in (uze*tfiises 
Trauma in der Kindheit erlebt. Ein Trauma mit ihrem Uruder! Und 
vielleicht war ihre Unfähigkeit zu lieben darauf gegründet. Sie war zu 
fest bei der Familie verankert. Ausser den moralischen llrnmmngs- 
vorstellungen kam noch das geheime Band in Betracht, «las *i" an den 
Bruder knüpfte. Sie kannte nur eine wahre Liebe: Die zu ihrem Bruder, 
ihrem ersten Geliebten, den man doch nie vergessen kann. Aus diesem 
Dilemma wählte sie dann den Ausweg des Selbstmordes. Aber noch einen 
neuen Gesichtspunkt lernen wir beider Analyse dieses Falles, einen Gesichts- 
punkt, den ich eigentlich bisher in keinem der von mir hcnl »achteten 
Fälle von Selbstmord oder Selbstmordabsichten vermisst habe. Die 
Selbstmordideen traten bei dieser Patientin erst zu einer Zeit auf. nachdem 
sie die Onanie aufgegeben hatte. Die strenge Abstinenz war mit eine 
der Ursachen des Selbstmordes. Wir wissen heute, dass für solche 
Personen die Onanie deshalb so wertvoll ist und selbst durch den 
sexuellen Akt nicht ersetzt werden kann, weil sie mit teils bewussten, 
teils unbewussten Inzestphantasien einhergeht Die Vorwürfe, die sich 
die Patienten wegen der Onanie machen, richten sich eigentlich gegen 
die Inzestphantasien. So war es auch in diesem Falle. Die Patientin 
verband mit dem Autoerotismus die Phantasie an das Erlebnis mit ihrem 
Bruder. Das Aufgeben der Onanie verlangte zugleich das Aufgeben 
der Inzestphantasie. Den Selbstmord, der zum Glücke nur ein Selbst- 
mordversuch war, vollzog sie, nachdem sie sich aus dem Elternhause ent- 
fernt und eine Stelle in der Fremde gefunden hatte. Sie verschaffte sich 
Morphium und Veronal, welche Mischung sie jedoch gleich erbrach. 
(Ekel, wie bei einem sexuellen Akte!) Die Art des Selbstmordes, die 



»*■**- *»-——• 



rj^r 



Über den Selbstmord. 37 

Vergiftung, war auch in ihren Phantasien, in welchen Gravidität die 
grösste Uülle .spielte, praeformiert. 

Eine zweite Patientin bekam die Selbstmordimpulse erst einige 
Monate nach Aufgeben der Onanie. Immer stürmischer wurde 
der Drang „Hand an sich zu legen". Schon in dieser Aus- 
drucksform zeigt sich der Selbstmord als symbolischer Ersatz eines auto- 
erotischen Aktes. Ich verweise auf das Gedicht des Dichter-Philosophen 
Vi scher, das den ersten Selbstmörder als einen „stolzen Götfcersohn* 
bezeichnet. Das erinnert uns unwillkürlich an den Stolz des Autoerotisten, 
der auf alle Mitwelt verzichten kann und selbstherrlich aus sich heraus 
sich seine Libido verschafft. Diese Patientin, von der ich sprach, eine 
Arztesfrau, hatte seit der frühesten Kindheit onaniert, dann geheiratet 
und war in der Ehe vollkommen anästhetisch. Einzig und allein der 
fortgesetzte Autoerotismus brachte genügend Libido auf, um sie 
gesund zu erhalten, bis sie eines Tages in einer Realenzyklopädie 
einen Artikel über Onanie las, der sie maßlos erschreckte, eine schwere 
Neurose infolge Abstinenz verursachte, eine Neurose, welche sich fast 
zur Psychose mit Selbstmord-Impulsen steigerte. Aus der Analyse war 
ersichtlich, dass der Selbstmord eigentlich als letzter autoerotischer Akt 
aufzufassen wäre. 

Noch beweisender scheint mir ein anderer Fall zu sein. Der 
Selbstmordversuch eines hochbetagten Künstlers, der sich von einem 
Freunde eine grössere Dosis Zyankali geben liess, dieselbe austrank in 
der sicheren Gewissheit in den Tod zu gehen. Es hatte sich aber nur 
um eine gehörige Dosis Bromkali gehandelt, denn der Ärmste erwachte 
nach einem etwas längeren Schlaf mit einem dumpfen Kopf und war 
dem Leben wiedergegeben. Auch dieser Patient litt ebenso wie unter 
Zwangsvorstellungen und Selbstmordimpulsen, unter den Vorwürfen, die er 
sich wegen der bis ins hohe Alter hinein betriebenen Onanie machte. Seine 
schwerste Zwangsvorstellung lautete: Es könnte ihm jemand entgegen- 
kommen und an ihm ein Attentat verüben. Eigentlich eine homosexuelle 
Reminiszenz uns seinem 0. Lebensjahre. Die Angst entsprach hier dem 
brennenden Wunsche, jene einzige Art der Befriedigung zu linden, die 
die höchste Libido erzielt hatte, weil auch aus homosexuellen Trieb- 
quellen Lust zuströmte. Auch dieser Patient hatte ein schweres Inzest- 
trauma hinter sich (mit der Schwester!) und auch bei diesem Kranken 
erwies sich das Aufgeben der Onanie verknüpft mit dem schweren Schuld- 
bewusstsein als wichtigste Triebfeder des Selbstmordimpulses. Die Angst, 
es könnte ihm jemand entgegenkommen, entsprach dem Wunsche, seine 
Schwester ^«»11 lo ihm entgegenkommen. Sein höchster Wunsch, der ja 
seine tiefste Angst werden musste. 

Noch v«>n einem vierten Patienten möchte ich erzählen, der bis 
zum H4, Lebensjahre onanierte. Mit dem Aufgeben der autoerotischen 



• ! !8 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen". 



Befriedigung traten die Selbstmordimpul.se auf. Auch hier bewies die 
Analyse in klarer Weise die Verknüpfung des autoerotischen Aktes mit 
Inzestphantasien. Kr hatte in der Kindheit an Blasenstöruiiüen gelitten. 
Die den Penis sanft streichelnde Hand der Mutter konnte die Anurie 
leicht beheben. Bei den onanistischen Akten imitierte er diesen Vor- 
gang. Ist doch jede Onanie eine Rückkehr zur infantilen Korm der 
Befriedigung, zu den ersten Lustquellen. Auch seine Potenz war 
launisch und die Erektion konnte in manchen Fällen nur durch denselben 
Griff zustande kommen. Noch ein zweites Moment ist hei diesem, wie 
bei allen anderen Fällen in Betracht zu ziehen. Handelt es sieh doch bei 
allen onanistischen Akten (siehe Fall III) um ein Kninpmmiss aus 
homo- und heterosexuellen Regungen! Speziell in diesem Falle war 
es ganz deutlich, dass . die Onanie neben der Inzestplninbi^ie auch 
einen homosexuellen Akt (und das ist ja schliesslich de- iVsehäftigung 
mit sich sell'er immer) darstellte. 

Alle diese Menschen waren unfähig, ein Leben ohne Onanie zu 
ertragen. Für sie war die Onanie nicht, wie ich es früher erwähnt 
habe, Strafe und Busse, sondern geheime Lust, an die sich ein tiefes 
Schuldbewusstsein knüpfte. Dieses Schuldbewusstsein kann sich, wie 
Beobachtungen anderer Ärzte zeigen, so steigern, dass der Selbstmord 
direkt nach einem onanistischen Akt ausgeführt wird. Hier spielt 
neben der Onanie der Ekel eine grosse Rolle. Solche Anfoerotisren 
betrachten ihre Selbstbefriedigung als einen „ekelhaften*, erniedrigenden 
Akt. Der Ekel vor der eigenen Person steigert sich zum Kkel vor dem 
Leben, zum Weltekel. Das Leben, das nur sexuell geweitet wird, 
verliert jeden Wert. Es steht im Affekte der Ablehnnno-. s„ fnhrt 
die Onanie auch in ihren Verdrängsformen zum Selbstmord. Besonders 
Onanisten, die lange Zeit hindurch abstinent waren und denen es ge- 
lungen war, die Onanie wirksam zu bekämpfen, neigen nach einem 
Rückfall, der sie ihrer stolzen Hoffnungen auf Genesung beraubt, leicht 
dazu, an sich Hand zu legen und mit dem letzten onanistischen Akt, 
das ist mit dem Selbstmorde, die letzte grosse Strafe an sich zu 
vollziehen. 

Ich möchte hier noch die Analyse eines Knaben erwähnen, bei 
dem Selbstmordideen eine grosse Rolle spielten, dessen Krankengeschichte 
ich in meiner Arbeit: Zwangszustände, ihre psychischen Wurzeln und 
ihre Heilung (Medizinische Klinik 1910, Nr. 5—7) beschrieben habe. 
Ich erlaube mir, das eine Stück dieser Krankengeschichte hier mit- 
zuteilen : 

»In meinem Buche „Nervöse Angstzustände « ') habe ich auf die 
psychischen Wurzeln des Stotterns hingewiesen. Ein stotternder Knabe, 

') Urban und Seh warzenberg. Wien und Berlin. 190K. 



iwiTsr ' 



«£■.»'£»'•*•■*> — 



Über den Selbstmord. 



39 



den ich im letzten Jahre behandelte, teilte mir mit, dass er nicht 
stottere, wenn er die Hand auf die Nase lege. Er drückte den rechten 
Zeigefinger auf den Nasenrücken und kann sofort fliessend und deutlich 
sprechen. Dieser Knabe war ein arger Onanist. Seine heimliche Angst 
bestand darin, man könne ihn vielleicht entlarven, man könnte vielleicht 
erkennen, dass er onaniere. Sein Vater hatte ihm einmal aufgetragen, 
die Hände im Bette immer auf der Decke ruhen zu lassen. Also schien 
Mjin Vater Onanie zu befürchten. Was drückte er nun durch diese 
symbolische Handlung aus? Wenn er die Hand in der Tasche hatte, 
.su konnte er onanieren. Dadurch dass er die Hand auf die Nase legte, 
demonstrierte er aller Welt: Seht nur her, ich onaniere nicht, ich habe' 
ja nicht die Hand in der Tasche, sie liegt auf meiner Nase. Dabei 
war ihm die Nase das Symbol des 'Gliedes und er drückte durch diese 
Zwangshandlung dem Kundigen gerade so viel von seinem Geheimnis 
uns, als er verbergen wollte. Derselbe Knabe litt eine Zeitlang auch 
an Zwangslügen. Eines Tages erzählt er mir eine lange Geschichte, 
der ich sofort anmerkte, sie wäre erlogen. Ich fragte ihn sofort, warum 
er mich angelogen hat. Er verteidigt sich, er könne nichts dafür, „es 
komme plötzlich über ihn und dann müsse er lügen." Gestern habe 
er den Vater angelogen, ohne dass es nötig gewesen wäre. Der Lehrer 
erkrankte und sie bekamen schulfrei. Als er nach Hause kam, sagte 
er seinem Vater, sie hätten schulfrei bekommen, weil das schadhafte 
Dach der Schule ausgebessert werden müsse. Für diese Lüge wisse er 
keinen Grund anzugeben. Ob er sich sehr darüber gefreut habe, dass 
»ie einen schulfreien Tag gehabt hätten!" Ja sehr! 

^Also hast du dich eigentlich darüber gefreut, dass der Lehrer 
krank geworden ist, statt mit ihm Mitleid zu haben, wie es sich für 
einen braven Schüler gehört." 

Dies gibt er zu; er hatte sich so oft gewünscht, dass der Lehrer 
erkranken möge und es war ihm unangenehm, diese unedle Regung vor 
seinem Vater zu enthüllen. Er hatte sich aber auch - was die Analyse 
au iliia Licht des Tages brachte — gewünscht, dass sein Vater er- 
krank, n möge. Das geht tiefer, als die bisherigen Konflikte, und man 
möge mir die Motivierung dieses Wunsches ersparen. Aber das war 
nur das eine Motiv für diese Lüge. Das andere war, dass er den 
\ iiter „prüfen- wollte. Er wollte erkennen, ob der Vater wirklich 
,alles- wisse, besonders, ob der Vater bemerken könne, dass er onaniere 
tuiil dass er sehr „schlimme Gedanken" im Innern verberge. 

Diesem Knaben war vorher ein unangenehmes Erlebnis passiert. 
Kr fchimi bei einem Spezialisten für Stottern in Behandlung, der in 
meinem Buche gelesen hatte, dass das Stottern mit Onanie und ver- 
drängten sexuellen Wünschen im Zusammenhang stünde. Nachdem 
ihm der Knabe in Behandlung übergeben worden war, und er mit ihm 



40 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

allein war, prüfte er seine Reflexe, sah ihm prüfend ins Gesicht und sagte : 
Du onanierst! Das war natürlich das Schlechteste, was er tun konnte. 
Denn dieser Knabe litt ja unter der Angst, alle Welt bemerke, dass er 
onaniere. Gerade infolge dieser Angst war er verlegen und stotterte 
in Gesellschaft, vor seiner Mutter, vor seinem Vater kurz vor 

aller Welt, während er, wenn er allein war, wie alle Stotterer fliessend 
sprechen konnte. Nun wurde er durch den Spezialisten in der Meinung 
bestärkt, man könne sein heimliches „Laster" auf den ersten Blick er- 
kennen. Er demonstrierte dann durch die Zwangshandlung (die Hand 
auf der Nase) aller Welt, dass er nicht onaniere. Dies alles erfuhr ich 
von ihm. Weshalb hatte er nun mich belogen? So wie er nun mit 
der- Lüge die Allwissenheit seines Vaters zu Schanden machen wollte, 
so log er auch mich an, um mich zu „prüfen" und sich zu überzeugen, 
ob ich wirklich alles erkennen müsste, weil ich ihm ja so viele Dinge 
von seinem Seelenleben erzählt, die keiner vor mir bei ihm vermutet 
hatte. Dieses Lügen geschah aus linbewussten .verdrängten- .Motiven 
und war deshalb von zwanghaftem Charakter." 

In' diesem Falle sehen wir das ganze geheime Räderwerk : Das 
Schuldbewusstsein dem Vater und dem Lehrer gegenüber, denen er den 
Tod gewünscht hatte; die Hemmungen mit denen er belastet wurde. 
Wir begreifen, dass mit der Unfähigkeit, die Onanie aufzugeben, Selbst- 
mordimpulse folgerichtig auftreten mussten. Er hatte Taue, wo er sich 
so müde fühlte und sich nach Ruhe sehnte. Tage, an denen «s eines 
kleinen Anstosses bedurft hätte, um die stets bereite rimnfnsie eines 
Selbstmordes zur Tat werden zu lassen. Zufällig war er der beste 
Schüler. Wie hätte es kommen können, wenn er der seh loch teste 
gewesen wäre? 

Ich kann nicht umhin, zum Schluss meiner Ausführungen Ihnen 
aus der Erfahrung der letzten Tage die Analyse eines Schh'lerselbst- 
mordes mitzuteilen, welche mir geeignet erscheint, die hier vorgebrachten 
Ansichten in unwiderstehlicher Weise zu bestätigen. 

Es handelt sich um einen 18jährigen Handelsschüler, der noch 
des Vormittags in die Schule ging, am Unterrichte sehr aufmerksam 
teilnahm und eine Stunde später sich eine Revolverkugel in i\en Kopf 
schoss. Die Ursachen dieses Selbstmordes waren scheinbar leicht zu 
ergründen. Das Motiv hiess: „Unglückliche Liebe." Kr hatte seit 
2 Monaten ein Liebesverhältnis mit einem gleichalterigen Mädchen und 
teilte seinen Eltern den Entschluss mit, sich mit diesem Mädchen zu 
verloben. Weil die Eltern ihm die Einwilligung nicht gegeben hatten, 
und er sich unfähig fühlte ohne Unterstützung der Eltern weiter zu 
leben, hatte er sich, so lautete seine erste Aussage, das Leben uenonnnen. 
Nach mehr wöchentlichem Krankenlager konnte er, vollkommen genesen, 
seine Studien fortsetzen. Die durch die Tat erschreckten Altern gaben 



■ I j*jm\< i * '0+*^*m r.'\r ij g 



Über den Selbstmord. 4] 

ihm die Einwilligung zur Verlobung ; allein schon während des Kranken- 
lagers hatte er bemerkt, dass seine Geliebte für ihn den Wert verloren 
hatte, und so war es ihm ein Leichtes und gar kein Opfer mehr, nach 
mehreren Monaten das Verhältnis vollständig aufzugeben. 

Kr gibt zu, dass die gegen die Eltern gerichteten Rache- 
phantasien bei der Tat den Ausschlag gegeben haben. Er hatte sich 
als verlorenen Menschen betrachtet, der nicht mehr denken könne, dem 
der Wahnsinn 1 ) bevorstehe. Zeitlebens hatte er ein grosses Bedürfnis 
nach Zärtlichkeiten und diese wurden ihm auch von einer älteren 
Schwester zuteil. Wir erfahren, dass in dem Absagebriefe der Eltern 
sich auch ein Schreiben seiner Schwester befand, die ebenfalls mit sehr 
energischen Worten auf die Aussichtslosigkeit seiner Liebe 
hinwies. Kurze Zeit nach Erhalt des Schreibens führte er den Selbst- 
mord aus. 

Sein Geschlechtsleben zeigt bei erster Erforschung keine besonders 
auffälligen Abweichungen von den normalen Linien. Von Kollegen 
verfuhrt suchte er mit 15 Jahren eine Prostituierte auf und versagte 
die ersten Male vollkommen. In der siehenten Gymnasialklasse begann 
er zu onanieren, wobei er eine libido empfand, die ihm bisher unbekannt 
gewe.-en. Er las jedoch verschiedene Bücher, die ihn über die Schäd- 
lichkeiten der Onanie belehrten, so dass er sie aus Angst, sich das 
I-f.lun zu verkürzen, aufgab Er hatte dann spärlichen sexuellen Ver- 
kehr mit Dirnen und Dienstmädchen. In der achten Gymnasialklasse 
onanierte er bloss Ümal im Jahre. Er gab über zu, dass die 
llö Im' der libido bei der Onanie niemals von dem normalen 
Akt erreicht wurde. Und nun erfahren wir. dass die Onanie bei 
ihm tatsächlich mit Inzestphantasien verknüpft war. Es war ihm beim 
ersten onanistisehen Akte plötzlich eingefallen, ob er nicht eine alte Frau 
besitzen könne. Plötzlich tauchte zu seinem Entsetzen vor seinem Auge 
seine Mutter auf. Wir begreifen jetzt, warum er die Onanie aufgegeben 
hat. K* war die Inzestphantasie, die ihn als hochmoralischen Menschen an 
der Furtsetzung dieser Art von Befriedigung hinderte. Er erinnerte 
sich aiieh an verschiedene Vorkommnisse, die eine Inzestneigung zur 
Mutter bestätigen. Tief im .Gebirge traf er auf einer Wanderung eine 
alte, hässliehe Bäuerin; da tauchten ihm „böse Gedanken" auf, die 
er voll Ekel sofort verdrängte. Verschiedene Träume handelten von 
seiner Mutter und von seiner Schwester. Jetzt erfahren wir auch, dass 
das Verhältnis mit dem Mädchen eigentlich ein sehr intimes gewesen 
und wahi cheinlich zu den letzten Konsequenzen geführt hätte, wenn 

M Die Angst vor dem Wahnsinn spielt bei den Selbstmördern eine 
yiu>be l.'i.llc. Sie ist die Folge der geschilderten unbewnssten, nach einem Durch- 
brach ins Hewtisstsein ringenden, mit aller Energie zuriickgestauten psychischen 
Kuiiitiktr: Schuldbewusstsein wegen der Onanie und der Inzestphantasien. 



-J- ..Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

er nicht eine hemmende Kraft in. sich gefühlt hätte, die ihn heiz der 
Aufforderung seiner Geliebten hinderte, von ihr Besitz zu ergreifen. Er 
behandelte sie wie eine Schwester. Audi heiehMn i- r . dass er 
mit einem jüngeren Bruder mehrere päderastische Akte aHs«Hiihrf ] mr re. 
Dem in der Psychoanalyse Kundigen wird es sofort klar, dass es 
sieh bei dem .Selbstmorde um eine fl poena talionis" gehandelt Imr. Min Uriof 
der Schwester und der Mutter, der von der Aussichtslosigkeit d,*,- Liebe 
sprach, hatte <hm Ausschlag gegeben. Zwischen dem Mädchen und 
seiner Schwester, die denselben Vornamen führten, wurde ein,. Identi- 
fizierung vollzogen und es wurde ihm auf dem Wege dieser Identi- 
fizierung die Aussichtslosigkeit aller seiner Inzestphantasien zur sicheren 
(xewissheit. Er verschob den Konflikt von der Mutter. der Schwester 
und dem Bruder auf die Geliebte, die er ja wie ein „noli nie längere", 
wie eine Schwester behandelt hatte. Was war also die Ursache seines 
Selbstmordes V Nicht der Absagebrief der Eltern! Nicht die Aus- 
sichtslosigkeit der Liebe mit dem Mädchen, die er ja hätte besitzen 
können!. Nein — nur sein tiefes Schuldbe wusstsei n -, die 
Uulöslichkeit seiner seelischen Konflikte und die Un- 
fähigkeit, die Onanie als E.rsatz der I nzestph n n tas i en 
und homosexuellen Akte weiter zu vollziehen. 

Wir hören ferner, dass der erste onan istische Aid direkt 
nach einem Besuche bei einer Prostituierten — wohl gemerkt nach 
einem erfolgreichen — ausgeführt wurde. Das beweist, uns. dass die 
Wirklichkeit ihm nicht die Befriedigung geben konnte* wie sie der mit 
der Inzestphantasie verknüpfte autoerotische Akt zu gewähn-u ver- 
mochte. Aber auch eine andere Erfahrung schöpfen wir aus diesem Bei- 
spiele. Er hatte schon seit den frühesten Kinderjahren die Gewohnheit, 
die Eltern zu erschrecken. Einmal ritzte er sich in die Hand« nachdem 
er sich ins Zimmer eingesperrt hatte, um die Eltern durch eine,, in so 
kindischer Weise ausgeführten Selbstmordversuch in Schrecken zu vorsetzen 
und sie seinen launischen Wünschen gefügig zu machen. Wir merken, 
wie hier die Tendenz zum Selbstmorde bis in die frühesten Kinderjahre 
zurückreicht. Das bestätigen ja Erfahrungen, die wir in der Psycho- 
analyse machen, die uns belehren, dass eigentlich die ersten Kinderjahre 
den Rhythmus angeben, in dem sich das spätere Schicksal des Menschen 
erfüllt. 

Die tiefsten Ursachen der Kinderselbstmorde liegen also meiner 
'Ansicht nach in einer fehlerhaften Erziehung, die das Kind mit Zärt- 
lichkeiten überhäuft und es einerseits zu Inzestphantasien verleitet, 
andererseits dasselbe Kind, das so lüstern nach libido gemacht wurde 
und unfähig ohne libido zu leben, mit so starker Belastung beschwert, 
dass es unfähig wird, Lust ohne Schuldgefühl zu ertragen! 
Dass die Schrecken, mit denen der meiner Ansicht nach an und für 



wmm 



Über den Selbstmord. 4.'J 

sich harmlose Akt der Onanie drapiert wird, sehr viel zur Verbreitung 
der Kinderselbstmorde beitragen, glaube ich bewiesen zu haben. Die 
hygienischen und moralischen, religiösen und ethischen Belastungen 
sind es, die das Kind sowohl als den Erwachsenen unfähig machen, 
das Leben weiter zu ertragen. 

Hier inüsste der Hebel angesetzt werden. Das wäre eine dankbare 
Aufgabe für die Lehrer, die dadurch wahrhaft zu Lehrern der Mensch- 
heit werden könnten. Ich meine: Die Schule verursacht nicht 
die Schülerselbstmorde, aber dass sie die Selbstmorde der 
Kinder nicht verhütet, das ist ihre einzige und vielleicht 
die grösste Sünde. Sie müsse dem Kinde über die schwere Zeit 
hinweghelfen, da seine Luftschlösser einstürzen und das grausame Leben 
die Unmöglich keifc erweist, die Phantasien zu verwirklichen. An der 
Irrealität seiner Phantasien stirbt das Kind und der 
N e u r <> t i 1» e r. Dass sieh so viele hochbegabte, talentierte Kinder finden, 
die in krankhafter Überschätzung eines momentanen Affekts auf alles 
verzichten, was ihnen das Leben noch bringen kann, das beweist uns 
nur, da.v-, man es nicht verstanden hat, die Kinder rechtzeitig auf diesen 
Zusammenbruch der Ideale vorzubereiten, dass der Erzieher es verabsäumt 
hat, das Kind ans der Welt der Märchen in die des Lebens zu führen. 
Dass er e> nicht verstanden hat, dem Heranwachsenden jenen Horizont 
zu verleihen, der die psychische Einengung des Gesichtsfeldes unmöglich 
macht, verabsäumt hat» ihm die Kleinlichkeit persönlicher Erlebnisse im 
Vergleiche zu der unendlichen Fülle und Unermesslichkeit alles 
Geschehens klarzulegen. 

Erziehen heisst, das Kind für das wirkliche Leben heranbilden. 
Wir bilden uns ein, dem Kind durch eine „schöne" Jugend einen 
reichen Schatz an Erinnerungen anzulegen, an denen es sein - Leben 
lang zehren wird. Wir denken nicht, dass ein an reinen Harmonien 
verwöhntes Ohr durch eine plötzliche Disharmonie empfindlich gekränkt 
wird, dasa aber die schönsten Wirkungen durch Auflösen disharmonischer 
Akkorde erzielt werden. Jener Erzieher, der sein Kind zum Verzichten 
anleitet, »teilt ethisch viel höher als derjenige, der es von Genuss zu 
Genuss führt. 

Die Schule müsste es versuchen, das Kind mit sanfter Hand, 
gewisserniaüen spielend aus dem Reiche der Phantasie in das 
Leben in führen. Nicht mit leerem Formelkram und Aoristen, Akku- 
sativen und lulinitiven, algebraischen Krimskrams und verwirrenden 
Jahreszahlen! Nicht mit grausamen Prüfungen und Vokabelfoltern! 
Sie müsste es verstehen, die Sinne des Kindes auf den Reichtum des 
Lebens zu lenken, auf die lebendige Natur, auf die unvergänglichen 
Meisterwerke der alten und modernen Kunst, auf alle Errungenschaften 
der Kultur. Welch wichtige Rolle dabei die grösste Lehrmeisterin der 



44 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

Menschheit, die Geschichte, spielen könnte, ist- jetzt noch gar nicht zu 
ermessen. Kurz, das Kind müsste in der Schule jene Liehe finden 
können, die es gewohnt ist, nach der es sich sehnt und die es so 
schmerzlich entbehrt. Es müsste ihm Gelegenheit gegeben worden, 
seine Sexualität zu sublimieren und seine Überschüssigen Energien 
umzuwerten. Der Lehrer müsste der Freund seiner Schüler und selber 
ein Schaler des Lebens sein. Sein heissestes Bestreben und sein stolzes 
Ziel: Die alten Imperative zu durchbrechen, neue Ziele -/u •/«•itjei) und 
freie, unabhängige Menschen zu schaffen. 



VII. 
Dr. med. Alfred Adler: 

Der Wert statistischer Erhebungen soll keineswegs geleugnet 
werden, solange sie darauf gerichtet sind, ein Bild zu entwerfen über 
die Häufung der Selbstmordfalle und über begleitende Umstände. Schlüsse 
zu ziehen, sei es über die psychische Individualität, sei es über die 
Motive des Selbstmordes, ist auf Basis der Statistik allein unmöglich. 
Man wird da leicht zu voreiligen Anschuldigungen von Institutronen 
oder von Personen kommen, solange die treibenden Motive in ihrem 
vollen Umfang unbekannt bleiben. Soziales Elend, Mängel von Schul- 
einriebtungen, Fehler der Pädagogik, zahlreiche andere schwache 
Punkte unserer Kultur können dabei zur Aufdeckung kommen. 

Aber wird uns daraus etwa die psychologische Situation 
des Selbstmörders, etwa die Dynamik klar, die ihn ans ritin Leben 
treibt? — Wenn wir wissen, dass die dichtest bevölkerten Gegenden 
die relativ grösste Zahl der Selbstmörder aufweist, dass gewisse Monate 
den höchsten Stand der Selbstmörderziffern zeigen, lernen wir daraus 
auch nur ein einziges zureichendes, was sage ich? — erklii reu des 
Motiv kennen? Nein. Wir erfahren nur, dass der Selbstmord, wie 
jede andere Erscheinung auch, dem Gesetze der grossen Zahl folgt, 
dass er mit anderen sozialen Erscheinungen Verknüpfungen aufweist. 

Der Selbstmord kann nur individuell begriffen wer- 
den, wenngleich er soziale Voraussetzungen und solche 
Folgen hat. 

Dies erinnert an die Entwicklung der Neurosenlehre. 

Und auch, dass man, solange nicht volle Klarheit über die psycho- 
logische Konstellation des Selbstmordes und über das Wesen der Motive 
herrscht, an ein Verständnis oder gar an eine grundlegende Heilung 
nicht denken kann. 

Und selbst wenn sich auf sozialem Wege ein Mittel Rinde, ver- 
einzelt Selbstmorde zu verhüten, wie es die Aktion der Heilsarmee in 



ESSäSs 



Über den Selbstmord. 45 

London versucht, indem sie Aufrufe erlässt, die Selbstniordkandidaten 
zu sich ladet, um ihnen Trost und Hilfe zu spenden, selbst wenn es 
gelänge, praktisch die Zahl der Selbstmorde, sei es durch Vertiefung 
der Religiosität, durch verbesserte Pädagogik, durch soziale Reformen 
und Hilfeleistungen einzuschränken, so bliebe es dennoch ein verdienst- 
liches Werk, den psychischen Mechanismus, die geistige Dynamik des 
Selbstmordproblems klarer gestellt zu haben. Einerseits wegen der 
Möglichkeit einer individuellen, weiterhin durch das Mittel der Pädagogik 
und der sozialen Reform allgemeinen Prophylaxe, Andererseits, weil 
offenbar das psychische Gefüge des Selbstmörders im Zusammenhang 
steht mit psychischen Zustandsformen und psychischen Einstellungen 
anderer Art, vor allem solchen der nervösen und psychischen Erkran- 
kungen. .Sodass im Falle des Gelingens einer derartigen Zusammen- 
hangsbetrachtung Ergebnisse des einen Problems zu Nutzen des anderen 
verwertet werden könnten. 

Dieser Versuch der Zusammenhangsbetrachtung wird wesentlich 
unterstützt durch die Volksmeinung, die jedesmal geneigt ist, dem 
Selbstmörder den Milderungsgrund der Unzurechnungsfähigkeit zuzu- 
billigen Aber auch durch Ergebnisse aus der Psychiatrie, den Zu- 
sammenhang von Geisteskrankheit und Selbstmord betreffend. 

Aus welchem Material kann ein Nervenarzt, der sich der psycho- 
analytischen Methode bedient, Erkenntnisse sammeln, um die Frage des 
Selbstmordes zu lösen? 

her gelungene Selbstmord vereitelt ja eine direkte Einsicht, etwa 
durch Befragen oder Reaktionsprüfung. Bleiben in diesem Falle nur 
Aufzeichnungen und Auskünfte der Umgebung, die mit Vorsieht auf- 
zunehmen sind und höchstens Bedeutung erlangen können, wenn sie 
mit grundlegenden psychologischen Ergebnissen übereinstimmen. Ins- 
besondere \\ui Ansichten der Umgebung anlangt, ist die Tatsache fest- 
zuhalten, das« sich die unglaublich empfindliche Natur des 
Selbstmörders stets verkleidet und in Geheimnis hüllt. 

Blühen also nur die Fälle von misslungenem Selbstmord und die 
überaus häufigen unausgeführten Selbstmordregungen, die einer Er- 
forschung durch die psychoanalytische Methode zugänglich sind. Freilich 
kompliziert sich dabei das Problem, weil diese Fälle gewöhnlich den 
Komprouiisscliarakter tragen, so dass sie im Zweifel stecken bleiben 
oder ungeeignete Mittel wählen und, während sie den Tod suchen, gleich- 
zeitig iiuf Bettung bedacht sind. 

Immerhin ist dies der einzige Weg, um Sicherheit darüber 
zu erlangen, welcher Art die Menschen sind, die den Tod 
suchen und welche Motive sie dabei bewegen. Da kann ich 
nun mit Bestimmtheit sagen, der Entschluss zum Selbstmord tritt unter 
den gleichen Bedingungen ein, unter denen sich der Ausbruch einer 



46 „Wiener psychonnaly tische Diskussionen". 

nervösen Erkrankung (Neurasthenie, Angst- und Zwangsneurose [ f ysterie, 
Paranoia) oder ein nervöser Einzelanfall vollzieht. Ich habe diese 
„neurotische Dynamik" in einigen Arbeiten, „Über neurotische 
Disposition* 1 ) und „Psychischer Hermaphroditismus im Leben und in 
der Neurose" *) beschrieben, die als Fortsetzungen meiner .Studie 
über Minderwertigkeit von Organen (Ur bau und S c h w arzen- 
berg, Wien 1907) anzusehen sind. Die leitenden (> danken dieser 
Arbeiten sind folgende: 

Jedes Kind wächst unter Verhältnissen auf, die es zu 
einer Doppelrolle zwingen, ohne dass es diesen Sachverhalt mit 
seinem Bewusstsein erfasst. Wohl aber mit seinem Gefühl. Einerseits 
klein, schwach, unselbständig, entwickelt es Wünsche nacJi Anlehnung, 
Zärtlichkeit, Hilfe und Unterstützung. Und bald fügt ,os sich dem 
Zwange, der den Schwachen zum Gehorsam, zur Unterwerfung ver- 
pflichtet, wenn er Trieh-Befriedigungen und die Liebe seiner PHege- 
personen erlangen will. Alle Züge des erwachsenen Menschen von Unter- 
würfigkeit, Demut, Religiosität, Autoritätsglauben (Suggostibilität, 
Hypnotisierbarkeit und Masochismus beim Nervösen) stammen suis diesem 
ursprünglichen Gefühl der Schwäche und stellen psychische Z.ushmds- 
bilder dar, denen offensichtlich bereits geringe Spuren von Aygrnssion 
anhaften, Versuche etwas von Liebe und Triebbef'riediguuofm m ,s der 
Umwelt für sich zu gewinnen. 

Zur gleichen Zeit, insbesondere aber deutlich im Laufe der Iviil « iv k I img 
tauchen Züge des Eigenwillens auf, ein Hang /.ur Selb- 
ständigkeit, Grossmannssucht, Trotz machen sich mehr und 
mehr geltend und treten in Kontrast zu den anderen Zügen 
(les Gehorsams. Ja, man merkt bald, dass diese Kontraststellung, 
offenbar unter dem Druck der Aussenwelt, bei Entfaltung des kind- 
lichen Ehrgeizes, gross zu werden und seinen Trieben Befriedigung zu 
gewähren (Esstrieb, Schautrieb z.B.), sich stetig steigert. Die Quelle 
dieser Kontraststellung der Charakterzüge liegt in dem 
innern Widerspruch zwischen Unterwerfung und der 
Tendenz zur Triebbefriedigung. Das Kind merkt sehr bald, 
dass in seiner kleinen Welt vorzugsweise die Kraft gilt, und findet 
dafür in der grossen Welt reichliche Bestätigung. Und so behält es 
von den Zügen des Gehorsams nur diejenigen bei, die ihm Nutzen 
bringen, sei es einen Gewinn an Liebe, an Lob, Verzärtelung oder Be- 
lohnung. Leider führt gerade diese Art von Lebensbeziehung des 
Kindes leicht auf Abwege, und kann aus dem Unbewussten heraus 

') S. Jahrb. f. psychoanalytische und psychopathologische Fortsctziumeii liKMI. 
Den ticke, Berlin, Wien. 

2 ) S. Fortschritte der Medizin, 1910, Heft 16, Thieme. Leipzig. 



35fc-^" 



jg^Twwrwn 



Über den Selbstmord. 47 

in tendenziöserWeise Situationen schaffen, in. welchen der späterhin 
Erwachsene geradezu auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Solche 
Kinder werden in jeder Art Kränklichkeit, Ungeschicklichkeit, Ängst- 
lichkeit, Schwachheit, im Leben, in der Schule, in der Gesellschaft ihre 
Beziehungen so einrichten, dass man sich ihrer annimmt, Mitleid zeigt, 
dass man ihnen hilft, sie nicht allein lä'sst u. s. w. — Gelingt ihnen 
dies Vorhaben nicht, so fühlen sie sich beleidigt, zurückgesetzt, ver- 
folgt. Eine ungeheure Überempfindlichkeit wacht darüber, 
dass nicht die eigene Schwäche entlarvt werde. Immer ist 
es ein Schicksal, Pech, die schlechte Erziehung, die Eltern, die Welt, 
die Schuld an ihrem Unglück tragen, und in dieser Absicht steigern 
sie ihre Wehleidigkeit zur Hypochondrie, Weltschmerz und Neurose. 
Und noch mehr ! Ihre Sehnsucht nach Mitleid, nach Bevorzugung kann 
so intensiv weiden, dass sie die Krankheit als Mittel schätzen lernen, 
einerseits um das Interesse der Umgebung auf sich zu lenken, anderer- 
seits als Vorwand, um jeder Entscheidung auszuweichen. 
Diese Furcht vor jeder Entscheidung (die Prüfungsangst 
des Nervösen), die ihn nichts zu Ende bringen lässt, ihn 
gleichzeitig aber mit höchster Ungeduld und Hast erfüllt, 
die ihn» das Warten (auf die Entscheidung, auf den Erfolg) zur 
grösbteu Oual macht, wird nur erklärlich, wenn man die 
ungeheuren G rö ss en i de en des Unbewussten kennt und 
das Gefühl von deren Un erfüllb arkeit bei ausgesprochen 
nervösen Personen. 

Diese iutrapsychische Spannung, der dialektische Umschlag aus 
dem Schwächegefühl des Kindes in Grossmannssucht, wird begleitet, 
aber auch behütet durch dauernde Affektlagen der Ängstlichkeit, der 
Unsicherheit, des Zweifels an den eigenen Fähigkeiten. Und .dies um 
so mehr, .je grösser die dynamische Wirkung des Kontrastes, je hyper- 
trophischer die Züge des Ehrgeizes und der Eitelkeit sich ausgestalten. 

Di,- psychoanalytische Methode ermöglicht es, durch Reduzierung 
dieser p*> einsehen Überspannung auf die Anfänge in der Kindheit die 
Ursachen anzugeben, für deren Bedeutung, ausserordentliche Kraft und 
Haltbarkeit, Ich konnte in allen Fällen, bei Nervösen, ausser- 
ordentlich befähigten Menschen und in den einer ünter- 
.uchiiuy zugänglichen Selbstmördern den Nachweis erbringen, 
lass mc in den Anfängen der Kindheit ein besonders ver- 
tiel'l.-> Gefühl der Minderwertigkeit besassen. Als Aus- 
gangspunkt dieses Gefühls habe ich schon vor Jahren eine ange- 
boren.- Minderwertigkeit von Organen und Organaystemen 
angeschuldigt, welchen zufolge das Kind beim Eintritt ins Leben 
durch Kränklichkeit. Schwäche, Plumpheit, Hässlichkeit und Deformität, 



s 



48 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

sowie durch Kinderfehler (Bettnässen, Stuhlschwierigkeiten, ftpnidi fehler, 
Stottern, Augen- und Gehöranomalien) ins Hintertreffen gerät. ' i 

Der von diesem Gefühl der Minderwertigkeit ausgehende stürmische 
Versuch zur Überkompensation, gleichbedeutend mit f r henvinduiig 
des Fehlerhaften durch angestrengtes Training des Gehirns, gelingt 
recht häufig, nicht aber ohne dauernd Spuren dieses Zusammenhangs 
und der Mehrleistung in der Psyche zu hinterlassen. Der ehemalige 
Bettnässer wird zum Reinlichkeitsfexen und Blasenathleten. das Kind 
mit unwillkürlichen Stuhlabgängen zum Hyperaestheton, die ursprüngliche 
Schwäche und Empfindlichkeit der Augen prädestiniert zuweilen zum 
Maler und Dichter und der Stotterer Demosthenes wird zum grössten 
Redner Griechenlands. 2 ) Dabei begleitet sie alle auf ihrem Lebenswege 
eine unbezähmbare Gier nach Erfolg und ihre dauernde tjherenipfind- 
iichkeit sucht ihnen die Kulturhöhe zu sichern. Rachsucht. Pedanterie, 
Geiz und Neid begleiten diese Entwicklung, ebenso auch Züge von 
ausgesuchter Mannhaftigkeit, sogar Grausamkeit und Sadismus. 

Nur eine Relation noch kann diese Spannung verstärken, und 
sie ist es gerade, die den pathologischen Gestaltungen dieser ins Gegen- 
sätzliche umschlagenden Dynamik ihre höchste Weihe gibt. Sie geht 
aus dem häufig anzutreffenden psychischen Herrn aph in di tismus 
hervor. Die Doppelrolle verleitet viele der Kinder, eine naheliegende 
Analogie mittelst einer falschen, aber aus Tatsachen 
geschöpften Wertung herzustellen, eine Analogie, der seit nltersher 
ein grosser Teil der Menschheit unterlegen ist, und die eine ganze 
Anzahl der feinsten Köpfe, — ich nenne nur Schopenhauer, 
Nietzsche, Moebius, Weininger — mit geistreichen Sophismen 
zu stützen gesucht haben: ich meine die Gleich» fei In n »' von 
Zügen der Unterwerfung mit Weiblichkeit, der Bewäl- 
tigung mit Männlichkeit. Dem Kinde wird diese Wertung recht 
häufig aus den Familienbeziehungen und aus der Umgebung aufge- 
zwungen. Es kommt dann bald so weit, dass jede Form von Aggression 
und Aktivität als männlich, Passivität als weiblich empfunden wird. Dann 
geht das Streben des Kindes dahin, aus Gehorsam zu Trotz, aus der 
Folgsamkeit heraus zu Bösartigkeit, kurz aus den normaleu Bahnen 
der kindlichen Fügsamkeit und Weichheit zu aufgepeitschten Bestre- 
bungen der Grossmannssucht, der Starrköpfigkeit, des Hasses, der Rach- 
sucht zu gelangen. Kurz, in den geeigneten Fällen (bei starkem Gefühl 

1 ) Neuerlich hat Bar tel (Wien), einen Spezialfall dieser Organmindorwortig- 
keit, die lymphatische Konstitution in Zusammenhang mit Selbstmord gp- 
hracht. In der weiten Fassung, die ihr dieser Autor gegeben hat. «viril »in sieh, 
ebenso wie die von mir hervorgehobene Organminderwertigkoit auch als i Jnmdlage 
von Neurosen entpuppen. Der Schlüssel zum Verständnis dos Zusammenhang liegt 
in beiden Füllen in dem kindlichen Gefühl der Minderwertigkeit. 

2 ) S. auch J. Reich, Kunst und Auge, Österreichische Werhensrhrin 1008. 



m* 



— - — » f i v * m — 



Über den Selbstmord. 49 

der Minder Wertigkeit) setzt ein toller männlicher Protest ein, bei Knaben 
wie bei Mädchen. Selbst die körperlichen Schwächen und Fehler des 
Kindes weiden dann nicht verschmäht, wenn sie als Waffen dienen 
können, um sich etwa durch Kränklichkeit, Kopfschmerzen, Bettnässen 
etc. das dauernde Interesse und eine gewisse Herrschaft über die Um- 
gebung zu sichern. So wird aus dem Unbewussten heraus 
eine Situation geschaffen, in der die Krankheit, ja selbst 
der eigene Tod gewünscht wird, teils um den Angehörigen 
Schmerzen zu bereiten, teils um ihnen die Erkenntnis ab- 
zuringen, was sie an dem stets Zurückgesetzten verloren 
haben. Nach meiner Erfahrung stellt diese Konstellation die regel- 
mäßige psychische Grundlage dar, die zu Selbstmord und Selbstmord- 
versuchen Aulass gibt. Nur dass in späterenJahren meist nicht 
mehr die Eltern, sondern ein Lehrer, eine geliebte Person, 
die Gesellschaft, die Welt als Objekt dieses Racheaktes 
gewählt \s i rd. 

Kurz anführen muss ich noch, dass eine der wichtigsten Trieb- 
federn zu diesem männlichen Protest die häufig anzutreffende Unsicher- 
heit des Kindes über seine gegenwärtige oder zukünftige Geschlechtsrolle 
ist. Aus dieser Unsicherheit heraus, die das double vie, die Bewusst- 
seiusspnll uiiif, den Zweifel und die Unentschiossenheit der Nervösen 
vorbereitet, drängt es Mädchen und Knaben mit ungeheurer Wucht 
zum niäunlh.licn Protest in jeder Form. Aus diesem heftigen 
Streben stummen alle Formen der Früh Sexualität und des 
Autoerotismus, die Masturbation wird zur Zwangser- 
scheinung, und ein unablässiges Streben nach „männlich" 
scheinender Betätigung der Sexualität (unter anderem 
Don Juan. Messalina, Perversionen, Incest, Notzucht etc.) 
verankert sich als prägnantes Sjmbol des männlichen Protestes. • Die 
Liebe selbst artet aus in eine unstillbare Gier nach Triumph, die Befrie- 
digung des -Sexualtriebes findet eine sekundäre Verwendung zum Zweck 
des Beweiöih der Männlichkeit oder auf einer psychischen Nebenlinie 
— wie im fallf derMasturbation — zum Zweck der Selbst- 
bescli ädi u u n g im Sinne eines Racheaktes. Damit aber 
wird ein weiteres Vorbild geschaffen für eine etwaige 
spätere Sc I bstniord-Konstellation, die Wollust des Selbst- 
mordes tritt an die Stelle der Masturbationslust. l ) 

»j. Atifl'.iUi-iul häutig findet sich jugendlicher Selbstmord als Abschluss eines 
vt-rgcliliiliiii iiium-tis gegen den Masturbationszwang, der in scheinbar überzeugender 
Weise iliin l'.iiiiiUi'n das Gefühl seiner Ohnmacht dartut. In ähnlicher Art ver- 
stärkt liciiu u.'il.lii-hon (jessuhleehte die Beschwerde der Periode «las „herabsetzende 
Oeiuhl der W.ildichkoit.* Bekanntlich steigern sich um diese Zeit sowohl die 
nßi'VüMpii II. .-. iiw.iden als auch die Selbstmordfidle, eine deutliche Bestätigung der 
obigen Aii^iiiliiiin^i'ii. 

Wiener iMiKiuaioiiL-n. (lieft 1.) * 



50 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

Die Selbstmordidee taucht unter den gleichen Konstellationen auf 
wie die Neurose, der neurotische Anfall oder die Psychose. Selbstmord 
Und Psychose "wie die Neurose sind Ergebnisse der gleichen psychischen 
Konstellation, die durch eine Enttäuschung oder Herabsetzung hei 
Disponierten eingeleitet wird und die das alte Gefühl der Minderwertig- 
keit aus der Kindheit wieder zum Aufflammen bringt. Sei hstmord 
wie Neurose sind Versuche einer Überspan n h-u Psyche 
sich der Eric enntnis dieses Minderwertigkeitsgefühls zu 
entziehen und treten deshalb zuweilen ve r g es ellsc haftet 
auf. In andern Fällen wirkt ein konstitutionelles Moment (die Stärke 
des Aggressionstriebes) oder Beispiele richtunggebend. Her .Heredität* 
kann in gleicher Weise vorgebeugt werden, wie den Manifestationen 
selbst, und zwar durch die psychoanalytische Methode. Sic deckt das 
kindliche Gefühl der Minderwertigkeit auf, führt es <.mi «einer (Über- 
schätzung auf das wahre Maß zurück, indem sie fal-'-hc W ertmigen 
korrigiert, und stellt die Revolte des männlichen Profesfes imfer die 
Leitung des erweiterten Bewusstseins. Selbstmord wie Neurose 
sind- kindlich e Formen der Reaktion auf k i n d I ich e Über- 
schätzung von Motiven, Herabsetzungen und Kit rt-a usch- 
iin gen. Und so stellt der Selbstmord — ganz wie die 
Neurose und Psychose — , eine Sicherung ror. um in un- 
kultureller Weise dem Kampf des Lebens mit seinen 
Beeinträchtigungen zu entgehen. 



VIII. 
Dr. phil. Karl Molitor: 

Die Frage der Schülerselbstmorde ist für den Pädagogen von 
ausserordentlicher Bedeutung; nicht nur wegen des erschütternden 
Eindrucks der vereinzelten Fälle, in denen der Knabe oder Jüngling 
sein Leben gewaltsam beendet, sondern in viel umfassenderem Sinne. 
Jedem Falle von Selbstmord wird ja — darauf ist in der Diskussion 
schon hingewiesen worden — eine ungleich grössere Zahl von Fällen 
entsprechen, in denen ähnliche Ursachen zu nervösen Erkrankungen 
oder doch zu psychischen Depressionen, von längerer oder kürzerer 
Dauer führen. Sollten sich also aus dem Studium des Selbstmord- 
problems praktische pädagogische Folgerungen ableiten lassen, so kämen 
diese nicht nur wenigen besonders Gefährdeten, sondern überaus vielen 
einzelnen und unserm Erziehungswesen als Ganzem zu gute. 

Die Beziehungen zwischen Schule und Selbstmord sind ja heute 
schon mehrmals interessant und tiefschürfend erörtert worden. Da hat 
sich zunächst, wie zu erwarten, gezeigt, wie seicht und gedankenlos 



■ -!-'.'. . ■ >fj: U' . '■» 



M 



i tiit-ii 



Über den Selbstmord. - > 

•»I 

die dilettierenden Vulgärpädagogen' urteilen, die in manchen Zeitun-vn 
ihre Tribüne finden und die bei jedem Fall von Schülerselbstmord von 
vornherein ein Verschulden des Lehrers annehmen und gewissermal.« :ii 
auf Mord oder mindestens fahrlässige Tötung plaidieren. Ob individuell,-.-, 
Verschulden vorliegt, muss im einzelnen Fall gewissenhaft untersu, hl. 
werden und wird untersucht, von vornherein wahrscheinlich ist >-, 
durchaus nicht. Handelt es sich doch bei dem, was die Statistik al» 
„Motiv- des Selbstmords anführt, höchstens um das auslösende; Moment 
und zeigt doch die Durchleuchtung einzelner Fälle, dass als solche« 
auslösendes Moment Misserfolge und Zurücksetzung, wie sie im heutig,-,, 
Schulbetrieb (und wohl in jedem Schulbetrieb) ganz unvermeidlich und 
gewissermaßen statistisch voraussagbar sind, durchaus genügen. 

Mit dieser Feststellung aber ist für den Pädagogen die Fra-e 
natürlich nicht erledigt, sondern hier beginnt sie erst. Wären die Be- 
ziehungen zwischen Selbstmord und Schule wirklich so grobschlächtig 
so könnte mau dies Problem mit Staatsanwalt und Disziplinaruntersuchung 
lösen. So aber gilt es, feinere Fäden zu entwirren. 

Wir können bei dem Problem zwei Fragen unterscheiden. Wir 
haben gesehen, dass Schulerlebnisse nur bei solchen Individuen zum 
■Selbstmord führen werden, die schon vor dem konkreten Ereignis um. r 
schwerem psychischen Druck stehen. Und da ergibt sich die Frau.-: 
Trägt das Schulleben im allgemeinen dazu bei, diesen psychischen Drui-1. 
zu erhöhen? Dann aber hat schon Dr. Sadger darauf hingewiesen! 
welche Heiltendenzen die Schule entwickeln, wie gerade das Ver- 
hältnis zur Schule, zum Lehrer unter Umständen den Knaben aufrecht - 
liaiten kann. Und da ergibt sich die zweite Frage: Kommen in unser,,, 
heutigen Schulbetrieb diese Heiltendenzen zur vollen Geltung?- 

Die erste Frage muss ohne Zweifel nachdrücklichst bejaht werden 
Hat Professor Freud die Forderung erhoben, dass die Schule d,-„ 
Knaben besser behandeln müsse als das Leben den Mann, dass man ,,„ 
tue Jugend nicht dieselben Anforderungen stellen dürfe, wie an die .Er- 
wachsenen, so muss man den tatsächlichen Zustand eher so charakterisieren : 
Die Schule mutet dem Schüler oft sehr viel mehr zu, als der Erwachsend- 
es sei denn unter dem äussersten Zwang der Verhältnisse — je er- 
tragen würde. Unser Klassifikationssystem schafft in seiner Trias v,,n 
Einzelnoten, Konferenzergebnis und Zeugnis für den schwachen Schul, , 
ein System der schriftlichen Festlegung und amtlichen Beglaubigung 
seiner Misserfolge, das für den schwer Lernenden zu einer seelischen 
Folter werden kann. (Das ist natürlich nicht der Norraalfall.) Grein 
doch dieser Zustand oft auch auf Erwachsene über; es gibt ja ganz, 
Familien, die an einer förmlichen Sehulneurose leiden und in denen dei 
Ausfall einer lateinischen Schularbeit Stürme der Verzweiflung „,1er ,1.-, 
Freude hervorruft. 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen''. 



Diese Verhältnisse sind es, die die heftigsten Angriffe gegen die 
heutige Mittelschule hervorrufen. Und doch geschieht ihr damit eigent- 
lich schwer Unrecht. Nicht die Schule als solche ist es. die diese Zu- 
stände schafft, sondern die Holle, die ihr von der Gesel I sc ha f t 
zugewiesen wird. Unsere Mittelschule ist ja erst in zweiter Linie 
Erziehungs- und Lehranstalt, in erster Linie ist sie ein InsHInt zur 
Erwerbung von Berechtigungen. Immer mehr diäiiui die Ent- 
wicklung dahin, das Reifeprüfungszeugnis zur conditio sine qua noii 
nicht nur für jede höhere Laufbahn, sondern sogar für ^-.mz unter- 
geordnete Anstellungen im Staatsdienst und bei grossen Unternehmungen 
(Bahn u. dergl.) zu machen. Die Tendenz, die dem zugrunde liegt, ist 
klar: Die sozialen Ober- und Mittelschichten wollen auf diew Weise 
ihren Söhnen eine möglichst grosse Zahl von Futterplätzen von vorn- 
herein sichern. Und tatsächlich hat heute so mancher junge Mann -mit 
der Ablegung der Maturitätsprüfung den grössten Teil seiner Lebens- 
arbeit bereits hinter sich; das andere besorgt dann der Onkel oder der 
Taufpate. Nur dass sich diese so wohl ausgedachte Rinnt Mutig furcht- 
bar rächt: der natürlichen Bedeutung der Knaben- und .Jünglings jähre 
wird so eine künstliche und ungesunde hinzugefügt: nicht wie sich das 
Individuum in dieser Zeit entwickelt, kommt in Betrachf, sondern 
was es leistet und zwar auf Gebieten leistet, die «einer spateren 
Lebensaufgabe oft ganz ferne stehen. 

Hier ist der Kopf des Wurms. Das Berechtigung -wo^en drückt 
unserer ganzen Schule einen ungesunden Charakter auf. Sic macht den 
Lehrer zu einem Werkzeug der sozialen Auslese und zwing! ihn da- 
durch geradezu streng, oft hart zu sein; denn lässt er lorker, so heisst 
das, dass überhaupt nur mehr die soziale Stellung der Elfern und gar 
nicht die Begabung und Leistungsfähigkeit des Individuums entscheiden 
soll. Das bringt ihn in eine Doppelstellung zu den Schülern, denen er 
einerseits Erzieher und Freund, andrerseits Richter und Vertreter der 
Staatsgewalt sein soll. Das vergiftet sein Verhältnis zu den Eltern, 
die dem Manne, der ihrem Kind so viel nutzen und schaden kann, in 
den seltensten Fällen mit voller Offenheit gegenübertreten. Das bringt 
ihn auch oft dazu, gewissermaßen zum Trainer zu werden und den 
schwachen Schüler zu immer neuer Arbeit anzufeuern, um ihm den 
schweren Schaden des Versagens zu ersparen, um Schwachbegabte um 
jeden Preis durchzudrücken. 

Nur kurz möchte ich darauf hinweisen, dass die Verhältnisse noch 
dadurch verschärft werden, dass unsere Schule Massenschule, dass in 
gewissen Gegenden (Wien) die Uberfüllung der Klassen geradezu Regel 
ist. Dadurch wird die Bewältigung des Stoffes erschwert. (Vw Kon- 
kurrenz verschärft, in einzelnen Punkten eine auch vom Lehrer als un- 
natürlich straff empfundene Disziplin erfordert, das Individualisieren fast 



Über den Selbstmord. 5.'J 

unmöglich. Auch aus <lem Grunde, weil, was als Berücksichtigung der 
Individualität eines nicht völlig normalen Schülers gemeint ist, von der 
Öffentlichen Meinung der Klasse sehr leicht als ungerechte Bevorzugung 
aufgefas&t wird. 

Wie sehr unter solchen Umständen der nervös Veranlagte unter 
den Schulzuständen oft leiden muss — selbst unter Voraussetzung -wohl- 
wollender Gerechtigkeit und pädagogischen Verständnisses seitens der 
Lehrer — und wie gefährlich die ganze Situation werden kann, wird 
uns vor allem dann klar werden, wenn wir uns an die Ausführungen 
Dr. Adlers über die Rolle erinnern, die das Gefühl der Minderwertig- 
keit bei psychischen Krisen spielt. Und man kann nicht leugnen, dass 
die heutige Mittelschule bei einer nicht zu kleinen Gruppe von Schülern 
geradezu° systematisch auf die Verstärkung dieses Minderwertigkeits- 
gefühls hinwirkt und das Selbstbewusstsein untergräbt, statt es zu 
fördern, lind dies einfach durch die Kraft der Tatsachen, so dass der 
Lehrer. d«nku man ihn so tüchtig wie man wolle, nur mildern, aber 
nicht aufheben kann. Unsere ministerielle ßeformpädagogik vermag da- 
gegen schon gar nichts weil ja ihre oft dankenswerten, öfter aber 
flüchtig gearbeiteten, inkonsequenten und den Dingen nicht auf den 
Grund gehenden Erlässe in erster Linie die Funktion haben, die öffent- 
liche Aufmerksamkeit davon abzulenken, dass unser Mittelschulwesen 
materiell geradezu ausgehungert wird und deshalb z. B. die Überfüllung 
unserer Wiener Schulen ein schon jahrelang dauernder schreiender Miss- 
stand ibt. Und an eine Aufhebung des Berechtigungswesens ist schon 
gar nicht zu denken; wo davon gesprochen wird, handelt es sich immer 
nur darum, die Verteilung der Berechtigungen auf die einzelnen Schul- 
typen zu ändern, nicht aber den Zustand abzuschaffen, dass die Be- 
urteilung der Leistungsfähigkeit eines erwachsenen Mannes oft vor- 
wiegend davon abhängt, wie er, oft vor mehreren Dezennien, auf der 
Schulbank bestanden hat. 

Diese in unserer Schuleinrichtung beruhenden Missstände werden 
in ihrer Wirkung nur noch durch psychologische Momente auf Seite 
der Kitern und der Lehrer verstärkt. Die an und für sich schon jzu 
grosse Bedeutung des Schulzeugnisses wird von vielen Eltern noch 
übertrieben und nur grotesk-komisch kann man es nennen, wie von 
manchen Eltern der „ Durchfall" geradezu als ernstes Unglück betrachtet 
wird, auch wenn die daraus sich ergebende Notwendigkeit, den Unter- 
halt des Knaben ein Jahr länger zu bestreiten, keine oder doch keine 
betrliehtli.hr Rolle spielt. Nichts ist charakteristischer für die unser 
Leben Ulierrschende Beamtenpaychologie, als der in solchen Fällen 
übliche .laiunier: er -verliert ein Jahr". Denn das ist ja richtig nur für 
die küiijüge Aktivitätszulage, aber nicht für die geistige und körper- 
liche Eniwii -klung. Im Gegenteil, man rettet dem Knaben ein oder 



54 „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

mehrere Jahre seiner Jugend, wenn man ihm Zeit lässt, statt- ihn unter 
ständigem Druck von Klasse zu Klasse zu hetzen, bis die gefürebtete 
Katastrophe doch endlich eintritt und zwar zu einem Zeitpunkt., wo der 
Schüler sich schon gewöhnt hat. im Hintertreffen zu stellen und wo mich 
aus unterrichtstechnischen Gründen die guten Seiten dos I.YpeHorens 
stark hinter den schlechten zurücktreten. Eine Aufklärung der Kitern 
in dieser Beziehung würde den Kindern manche schwere A ngsHgung 
ersparen und dem Gespenst des , schlechten Schulz'-iiirm-^i^- den 
grössten Teil seiner Schrecken nehmen. Ein noch viel e.ci;iliiliehores 
Spiel spielen die Eltern, die ihr Kind trotz wiederholt und deutlich aus- 
gesprochener Abneigung in einer bestimmten Studien Im Im gewaltsam 
festhalten. Anders ist natürlich die Rolle dos Durch falb-us in den 
obersten Klassen der Mittelschulen, wo der Jüngling sieh <vhim mit 
aller Kraft über die Mittelschule hinaussehnt und wo der fü-danke, ein 
Jahr länger in Verhältnissen bleiben zu müssen, denen man innerlich 
fremd geworden ist, auch ohne von aussen kommende Verstärkungen 
des Quälenden genug hat, um bei gegebenen Vorbedingungen eine Krise 
herbeizuführen. 

Die Lehrer wieder, für die das Versagen eines Teils der Klasse 
etwas durchaus Normales, fast prozentual Vonuisbereclmn bares ist. 
sind in Gefahr, sich nicht immer ganz klar zu machen, wie diametral 
entgegengesetzt die Auffassung desselben Ereignisses beim Schüler ist: 
sie glauben daher mitunter, die Schrecken des Durchfalls zur Krhöhung 
des pädagogischen Zwecks unterstreichen oder gar fi beitreiben zu 
müssen. Überhaupt lässt sich folgendes beobachten : I »cm Lehrer 
machen natürlich disziplinar und pädagogisch die Schüler um meisten 
zu schaffen, die am widerstandsfähigsten sind und den Disziplin.-! rniitteln 
der Schule mit einer gewissen Ruhe gegenüberstehen. I'n willkürlich 
nun stuft sich von hier aus das Gesamtbild der Klasse, das der Kehrer 
sich macht, und der Ton, den er anschlägt, ab, und so kommt es. dass 
er die Empfindsamen oft rauher anfasst. als ihnen gut ist, nur weil er 
sich des Eindrucks, den seine Worte auf sie machen, nicht bewusst ist. 

Nicht unerwähnt darf aber bleiben, dass noch gar oft diese Er- 
zeugung eines Gefühls der Minderwertigkeit auch bewtissfc und plan- 
mäßig befördert wird, und zwar auf Grund „ethischer Grundsätze \ Alle, 
die die Schule zum Werkzeug politischer und religiöser Reaktion 
machen wollen, fordern ja als oberste Leistung der Schule die , Er- 
ziehung zum Gehorsam". Die konsequenten Vertreter dieser Richtung 
gehen direkt auf das Brechen des Individual willens aus. Nur beispiels- 
weise erwähne ich die an manchen Provinzanstalten ausgeheckten Hegeln 
und Verbote, die in das Privatleben der Schüler schmerzlich eingreifen 
und für die niemand einen andern Zweck erkennen kann, als den. die 
Schüler ihre capitis diminutio recht fühlen zu lassen: „die Leute sollen 



-iuj-v rag 



Über den Selbstmord. 55 

lernen, sich fiigeir. Diese Behandlung der Schüler . ist übrigens nur ein 
Spiegelbild .kr Behandlung, die die Lehrer sich bis vor wenig Jahr- 
zehntim bieten Hessen. In diesem Sinne schon sind die immer weiter- 
grei fanden Organisationsbestrebungen der Lehrerschaft ein wahrer Segen 
für die Schub: denn wer selbst ein willenstarker Mensch mit auf- 
rechtem h'üeken ist, wird auch solche erziehen wollen. In jedem Sadisten 
steckt ja '.ine niasochistische Komponente. 

Ditti Thema hat es mit sich gebracht, dass ich zuerst und recht 
ausführlich bei den schädlichen Momenten unseres Schullebens verweilen 
mussie. Ich möchte aber dadurch keineswegs die Ansicht erwecken, 
als hielte ich diese Schädlichkeiten für überwiegend. Im Gegenteil, ich 
bin fest überzeugt, dass im Schulleben an und für sich wichtige Heil- 
faktoren liegen, die auch heute zur Geltung kommen, wenn auch ihre 
Wirkung nicht ganz ausgeschöpft, ja teilweise gehemmt wird. Ich 
denke da mit Dr. Sadger und Prof. Freud daran, dass die Schule 
dein Knaben wichtige persönliche Anknüpfungen vermittelt, dass sein 
aktives und passives Liebesbedürfnis hier Nahrung findet, dass sie 
seinem Gefühlsleben die Expansion über das Elternhaus hinaus ermög- 
licht. 15e.son.lers bei vorübergehender oder dauernder Entfremdung 
zwischen ihm und seinen Angehörigen wird er hier Ersatz finden 
können, und zwar insoferne in sehr günstiger Form, als hier zwischen 
einer grösseren Anzahl von Individuen eine Art äusserliehe Intimität 
geschaffen und, die es aber dem einzelnen völlig freistellt, die Bande 
mit dum und jenem fester oder lockerer zu knüpfen. Der in der Familie 
herrschr.Hle -Zwang zur Liebe" fällt hier also weg. Diese Ersatz- 
funklicn der Schule geht auch daraus hervor, dass die Anhänglichkeit 
an die K.unilie und die Liebe zu den Schulgenosseu meist in umge- 
kehrtem Verhältnis steht: Muttersöhnchen sind schlechte Kaineraden 
und. w.m der Vater das Ideal geblieben ist, der .sucht es nicht im 
Lehrer 

Ha* (iesigte zeigt schon, dass ich die Beziehungen zu den Mit- 
schülern lür ebenso wichtig halte wie die zu den Lehrern. Auch die 
einstige l'iihrerstellung des Vaters kann ja mindestens teilweise einem 
älteren, frühreifen Mitschüler zufallen. 

Wie wirken nun unsere Schuleinrichtungen auf das Verhältnis 
der Mitschüler untereinander? In mancher Richtung direkt schädlich. 
Die einst übliche Erziehung zur Angeberei zwar kann wohl als im grossen 
und ganzen überwunden angesehen werden. Aber das Prüfungswesen 
mit seiner Kuukurrenzatmosphäre besteht weiter, Neid und Eifersucht 
auf der einen, Überhebung und Selbstgerechtigkeit auf der andern Seite 
fördernd. Als das Wichtigste aber erscheint mir, dass heutzutage diese 
Beziehungen sich rein naturwüchsig, ohne positiv fordernden EinÜuss 
des Lehrers entwickeln, indem sie entAveder in den Freistunden ausser- 



56 „Wiener psychoanalytische ^Diskussionen". 

halb der Schule oder in den Erholungspausen, wo der Lehrer meist 
nur als passives Aufsichtsorgan anwesend ist, entwickeln. Dass da- 
durch oft Personen sehr zweifelhaften Werts, meist vorübergehend, eine 
Führerrolle spielen können, ist noch das geringere ITliel. Aber, was 
gerade für unsere Frage in Betracht kommt, dadurch finden off. die 
von Adler gekennzeichneten Charaktere, für die die Stfif/.e de« 
Kollegialitätsgefühls von besonderem Werte wäre, keinen An^rhlnss, ja 
ihre Schwerfälligkeit und Schüchternheit machen sie oft zur Zielscheibe 
des Spotts. So kann in ihren Entwicklungsgang ein neues verhängnis- 
volles Moment kommen. Heute kann da der Lehrer nur sollen zufällig 
und meist nicht sehr wirksam eingreifen. Ein wesentlicher Fortschritt 
wird erst dann zu erzielen sein, wenn die Schule neben einer Arbeits- 
gemeinschaft auch eine Erholungsgemeinschaft wird. 

Hierzu haben wir in der Pflege des Jugendspiels, die sich aller- 
dings auf dem Papier imponierender ausnimmt als in Wirklichkeit, ge- 
wiss einen hoffnungsvollen Ansatz. Doch treten hier die persönlichen 
Beziehungen hinter dem Sportlichen meist fast ganz zurück, und da- 
durch, dass das Jugendspiel in vielen Fällen dem Turnlehrer oder einem 
wissenschaftlichen Lehrer, der die betreffenden Schüler sonst gar nicht 
kennt, überlassen wird, wird dieses rein Technische noch mehr in den 
Vordergrund gerückt. Für unsern Zweck könnten nur solche Leibes- 
übungen wirklich in Betracht kommen, die von selbst auch geselligen Zu- 
sammenschluss mit sich bringen, wie Wanderungen, Ruderfahr ton, unter 
positiver Mitwirkung, nicht nur passiver Leitung von solchen Lehrern, 
die mit den Schülern auch wissenschaftlich arbeiten. Schon honte üben 
die leider so seltenen Schulausflüge den wohltätigsten Eiufluss auf 
Schüler und Lehrer. 

Ich brauche nicht eigens hervorzuheben, dass diese Erweiterung der 
Schule zur Erholungsgemeinschaft auch das Verhältnis zwischen Lehrer 
und Schüler von Grund aus ändern und die gemütliche Distanz zwischen 
ihnen erheblich verringern würde. Trotz der vorhandenen Ansätze glaube 
ich nicht, dass allzuviel in dieser Richtung geschehen wird und zwar, weil 
zu jeder pädagogischen Reform Geld gehört. Solange die Unterrichts- 
verwaltung für solche Betätigung an den „Idealismus der Lehrerschaft* 
appelliert, statt sie in die Lehrverpflichtung einzubeziehen und ent- 
sprechend zu entlohnen, wird, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, 
dieser Teil der Erziehertätigkeit wenig oder doch nicht mit voller 
Energie gepflegt werden. Schon aus dem Grunde, weil, besonders in 
den grossen Städten, die meisten Lehrer zu zeitraubender Neben- 
beschäftigung genötigt sind. 

Damit sind wir übrigens bei einem andern Punkt, der die Wirk- 
samkeit unserer Schule aufs nachteiligste beeinflusst. Wer sich für 
100 und mehr Jungen persönlich interessieren soll, wenn auch nur 



Über den Selbstmord. 57 

flüchtig, braucht Zeit. Unsere Lehrer haben nie Zeit. Ausser der 
Stunde «licht, weil sie Opfer des Korrekturwahnsinns sind und weil die 
Zeit, die noch bleibt, oft bis zur äussersten Erschöpfung vom Neben- 
erwerb in Anspruch genommen wird. In der Stunde nicht, weil ein 
immer erweiterter Lehrstoff bei gekürzter Unterrichts- und häuslicher 
Arbeitszeit erledigt werden soll. Die Folge davon ist, abgesehen von 
gesteigerter Nervosität unseres Schullebens, dass der Unterricht in vielen 
Fächern zu einem förmlichen Dahinjagen wird, dass der Lehrer die 
Sorge um die Erledigung des Lehrstoffes nie los wird. Das führt einer- 
seits freilich zu einer fruchtbaren Ausnutzung der Zeit und nötigt zu 
einer Vervollkommnung des didaktischen Könnens. Andererseits aber 
verschwindet dadurch der Pädagog, der sich an den ganzen Menschen 
wendet, immer mehr hinter dem blossen Unterrichtstechniker. Und da 
er für die vielen einzelnen keine Zeit hat, arbeitet er immer mehr mit 
dem Abstraktem der „Klasse*. Er will die „Klasse- dahinbringen, 
dass sie Tüchtiges leistet, das ist sein Ehrgeiz; leistet der schwache 
Schüler seinen Versuchen, ihn vorwärts zu bringen, längeren Wider- 
stand, so entsteht der persönlich und sachlich sehr begreifliche Wunsch, 
ihn zu entfernen, weil er das „Niveau der Klasse" drückt. So kann 
ein für *einen Beruf begeisterter und zur Gesamtheit seiner Schüler 
liebevoller Lehrer sehr hart gegen den einzelnen werden. 

Hier .scheinen mir die Gründe zu liegen, warum die Pädagogen, 
wie Prof. Frend sie wünscht, heute so selten sind. Die Lehrer werden 
durch ihre gair..e Stellung und durch die Art des Unterriehtsbetriebs in 
die entgegengesetzte Bahn gedrängt. Die in der Öffentlichkeit so . oft 
gehörte Meinung, alle Übelstände der Schule seien auf pädagogische 
Unfähigkeit der Lehrer zurückzuführen, gibt für eine richtige Beob- 
achtung eine unstichhaltige Erklärung. Selbstverständlich kann ein 
hervorragendes pädagogisches Talent auch heute fruchtbare "Wirksam- 
keit entfalten. Aber eine Masseninstitution wie die moderne Schule 
kann bei ihren Organen nicht exzeptionelle Begabung voraussetzen, 
sondern *\v muss so organisiert und von solchem Geist erfüllt werden, 
dass auch der tüchtige Durchschnitt allseitig befriedigend seines Amtes 
walten kann. 

Hal.cn die vorstehenden Ausführungen die mannigfachsten Fragen 
des Schullebens berühren müssen, so glaube ich mich doch keiner Ab- 
schweifung vom Thema schuldig gemacht zu haben. Die psychische 
Förderung oder Hemmung durch die Schule hängt eben von den ver- 
schiedensten Faktoren ab. Jetzt gilt es noch, zu fragen, ob eine Selbst- 
mord prophylaxe im engern Sinn durch die Schule möglich ist. 

Da möchte ich vor allem nachdrücklich hervorheben, dass mir 
eine mechanische Prophylaxe, wie man sie in Wien versucht hat, da- 



,5°, „Wiener psychoanalytische Diskussionen". 

durch, dnss man „selbstmordverdächtigen" Schülern das selilechle Zeugnis 
niclit ausfolgt oder sie von ihren Elfcern abholen lässt, gänzlich verfehlt 
erscheint. Einerseits setzt man sich der Gefahr aus, gerade die wirklich 
Gefährdeten zu übersehen. Andrerseits wird dadurch geradezu 
die Vorstellung gezüchtet, der Selbstmord sei eine »ewissermaläen 
normale, jederzeit zu erwartende Reaktion auf srhlwHih» Schul- 
erfolge. Dadurch wird dem Gedanken des Selltshimrds neue 
suggestive Kraft zugeführt und in manchem vielleicht dl<» schltun- 
mernile Idee erst ausgelöst. Die suggestive Wirlcumt' ist es 
übrigens auch, die jeden ausgeführten Selbstmord zu <•« n<» eminenten 
Gefahr macht; finden wir doch häufig, dass einer, dein Selbstmord- 
gedanken vielleicht schon lange vertraut waren, die Tal erst ausführt, 
wenn er jemand findet, dem er sie nachtun kann, Dieser Umstand 
mahnt zur äussersten Vorsicht und zu grossem Takt bei der Untersuchung 
vorgekommener Selbstmorde durch die Schulbehörden, vor allein aber 
bei der Diskussion in der Presse. Die sensationelle Art. wie nur allzu 
viele Zeitungen diese Dinge besprechen, die Märtvrergloriole. mit der 
ein solcher Unglücklicher gern umgeben wird, können leicht dem einen 
Opfer ein anderes nachziehen. Damit soll nichts gegen f'reieste 
Meinungsäusserung und gegen schonungslose Kritik der Schulzustünde, 
wo' man diese für die Schuldigen hält, gesagt werden. Aber, wer sich 
seiner Verantwortung bewusst ist, wird sagen, was er zu *ngen bat, 
ohne den Fall in die bengalische Beleuchtung der Sensation und des 
Skandals zu stellen. 

Sprechen wir dieser mechanischen Verhütung des Selbslmords die 
Chancen ab, so ist es vielleicht möglich, dass der kluge Lehrer in 
vielen Fällen indirekt rechtzeitig vorbauen kann. 

Sehr oft sind Trotz und Rachsucht (gegen Eltern oder Lehrer) 
die eigentliche Triebfeder des Selbstmords. Nun ist in einem 
solchen Fall natürlich keineswegs ausgemacht, dass für diese Gefühle 
auch eine objektive Berechtigung vorlag. Vielmehr deutet eine solche 
Motivation öfter gerade darauf hin, dass die betreuende Person 
dem Herzen des Schülers nahe gestanden hat. Aber das darf man 
sich nicht verhehlen, dass gerade die „Trotzigen" wohl die sind, die in 
unserer Schule meist am allerunzweekmäfiigsfcen behandelt werden. Wo 
Gehorsam um jeden Preis das Erziehungsideal ist, wird ja natürlich 
Trotz zu einem Verbrechen, das den Schüler gewissermaßen ächtet. 
Aber auch sonst wird über derartige Reaktionen meist als über etwas 
ganz Irrelevantes hinweggegangen. Und gerade hier könnte in vielen 
Fällen der Lehrer sehr wohltätig eingreifen, wenn er nach dem Anlass, 
der den Trotz hervorgerufen hat, nicht einfach wartet, bis die Reaktion 
abgelaufen ist, sondern selbst daran arbeitet, den gemütlichen Kontakt 



Über den Selbstmord. 59 

wieder herzustellen. Natürlich kann, nicht darin, dass er seiner Autorität 
etwas vergibt und von berechtigtem Tadel etwas zurücknimmt, das 
Heilmittel liegen, sondern nur darin, dass er persönliche Anteilnahme 
am Schicksal des. Schülers durchblicken lässt. 

I)<;r Lehrer, der sich gewöhnt, seine Schüler aufmerksam zu 
beobachten, wird auch den Typus bald herausfinden, der nacli Dr. A dl er 
besonders gefährdet ist. Unbeholfenheit, Schüchternheit, leichtes Erröten 
sind die Werkmale, die zuerst bei ihnen auffallen. Die scheinbar wider- 
spruchsvolle Verbindung stark betonter Indolenz und Gleichgültigkeit 
mit übergrosser Empfindlichkeit ist ein besonders charakteristischer Zug. 
Hier wird eine eingehende, nicht auf die Lernerfolge beschränkte, sondern 
den Charakter berücksichtigende Besprechung mit den Eltern oft sehr 
viel Gutes stiften können; sie ist schon deshalb notwendig, weil solche 
Schüler oft zu Hause ein ganz anderes Bild bieten als in der Schule. 
So könnte psychologisch geschulter Blick des berufsmäßigen Erziehers 
auch die häusliche Behandlung günstig beeinflussen. 

Ich bin mir bewusst, dass dieser bescheidene Versuch, Erkenntnisse, 
die mit Hilfe der Psychoanalyse gewonnen wurden, pädagogisch zu 
verwerten, diejenigen nicht befriedigen wird, die wollen, dass die Rede 
der Wissenschaft ja, ja, nein, nein sei. Denn eine Universalprophylaxe 
gegen Üchuleiselbstmorde gibt es nicht. Wer aber eingesehen hat, dass 
der Vereinfachung unserer Erkenntnisse ihre Vertiefung vorhergehen 
muss, der wird, glaube ich — nicht aus meinen Ausführungen, aber 
aus dem Verlauf der ganzen Diskussion — den Eindruck gewinnen, 
dass vmi der psychoanalytischen Forschung aus manche belebende Welle 
in den oll ach so trägen Strom unserer wissenschaftlichen Pädagogik 
dringen kann. Gegenüber der Gefahr der Veräusserlichung und 
Mechanisierung, die die experimentelle Methode — an ihrem Orte von 
unbestrittenem Verdienst — mit sich bringt, finden wir hier ein Gegen- 
gewicht: dir Möglichkeife, ja den Zwang zu immer weiterer Vertiefung. 



IX. 

Prof. Kr«- ml: 

Meine Herren, ich habe den Eindruck, dass Avir trotz all des 
wertvollen Materials, das hier vorgebracht wurde, zu einer Entscheidung 
über das uns interessierende Problem nicht gelangt sind. Wir wollten 
vor allem wimm»», wie es möglich wird, den so ausserordentlich starken 
Lebenstrieb zu überwinden, ob dies nur mit Hilfe der enttäuschten 
Libido gelingen kann, oder ob es einen Verzicht des Ichs auf seine 
Behauptung aus eigenen Ichmotiven gibt. Die Beantwortung dieser 



«HM 



60 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen". Über den Selbstmord. 

psychologischen Frage konnte uns vielleicht darum nicht gelingen, weil 
■wir keinen guten Zugang zu ihr haben. Ich meine, man kann hier 
nur von dem klinisch bekannten Zustand der Melancholie und von deren 
Vergleich mit dem Affekt der Trauer ausgehen. Nun sind uns aber 
die Affektvorgänge bei der Melancholie, die Schicksale der Libido in 
diesem Zustande, völlig unbekannt, und auch der Danern (Tekt des 
Trauerns ist psychoanalytisch noch nicht verständlich gemacht worden. 
Verzögern wir also unser Urteil, bis die Erfahrung diese Aufgabe 
gelöst hat. 



Verlag von J. F. BERG MANN in Wiesbaden^ 

Die Emanation 



der 



psyehophysisehen Energie. 

Eine experimentelle Untersuchung 

über 

die unmittelbare Gedankenübertragung im Zusammenhang mit 

der frage über die Radio aktiuität des öehirns. 

Von Dr. Naxun Kotik in Moskau. 

Mk. 3. 20. 

Vorwort I Einleitung; II. Historisches zur Frage der Gedankenübertragung; 

TÜnnel-Hevusstsein; automatisches Schreiben und Medramismus; V. Weitere 
Ä Ve sTcl e: Uebertragung optischer Vorstellungen und von Gemüts- 
b^e«"unVe VI Das Hellsehen und die Fixierung der Gedanken auf dem 
Papie°r fll Die Hypothek der psychischen Strahlungen und eigene Versuche; 
vTlI Die p.y.hophysische Energie: Gehirnstrahlen und psychophysische Ema- 
nation; Schlussbetrachtun>r. ^ 

Das unterbewusste Ich 

und seine Verhältnisse zu 

Gesundheit und Erziehung. 

Von Dr. Iiouis Waldstein. 

Autorisierte Uebersetzung von Frau Gertrud Veragruth. ■ 
Mk. 2.—. 



1 u 1. .. 1 1 



i l.nde.iun-' - Organgefühle - unterbewusste Eindrucke - btimmu ,gen 
und Kne i.'n-das taktne Gefühl - Aufmerksamkeit - HerediUt-iruhe 
Tcbun" G.mus - Feuerbaeh - die poetische Stimmung - Freude «a uta 
Kuu- 11 Eiv ehung - Instinkt - Kinder-Kultur - Kassen- und &&*» 
Jorur teil -tllulcheuemehung- Wirkuug früher Badnicke T,^^ 1 ^ 
1 ifoiiirü^r (jiaube - Natürliche Umgebung — Landleben — Indiviuuaüs jiui, 
III Yr tVemUle - Telepathie - Schlaf - Träume - Uebertnebene Uebung 
des 1,,'üL eü Ichs - Schlaflosigkeit - Korrektur von Stimmungen - Amiel 
- Uurl wüste Erinnerung an Krankheit - Nervöse Zustände - ^Hysterie 
und N «« t ih.iiie - Selb.tbehandlung der Hysterie - HypnoUsmus - Sug- 
!2 lUes Alter - Geisteskrankheit - HaUuanaüonen *$% ~ 

5 vi ..riunl,,. — Omen — Behandlung von Geisteskrankheit; i\. fcin- 

Sä?» -^ÄfSs 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



jtfusik und Nerven 

Von 

Dr. Ernst Jentseh in Breslau. 

I. Heft: Preis Mk. 1.—. 



r 



Der Autor vorliegenden Heftes hat sich die dankbare Aufgabe eostnIlt, 
die Grundlage des musikalischen Genusses, den Tonsinn und die diesem 
dienenden wunderbaren Einrichtungen des menschlichen Organismus nach 
dem derzeitigen Standpunkte der Wissenschaft in grossen Zügen zu schildern. 
Im Anschluss daran behandelt er den Tonsinn in der Tierwelt und dir merk- 
würdige Tatsache der Existenz musikalischer Rassen. Die überaus klaren, 
zum Teil durch Abbildungen erläuterten Ausführungen des Autors, dürften 
das Interesse aller Musikfreunde beanspruchen. Ein zweites Heft wird rhiiso 
weitere interessante Kapitel aus dem Gebiet Musik und Nerven bnngnr. 

Die Frau in der Kulturbewegung 
der Gegenwart. 

Von 

Dr. Gertrud Bäumer in Berlin. 

Preis: Mk. 1.30. 



Betrachtungen über Frauenfrage als inneres Problem, Frauemville in 
Liehe und Ehe, Kulturleistung der Frau und Mutterschaft. Ausgleichung dos 
alten und neuen Prinzips in der Frauenbewegung bilden den Inhalt der 
Schrift. Mit viel Geist und Überlegung werden diese Fragen behandelt. Was 
Verfasserin gegen „das Recht auf Mutterschaft" sagt, habe ich schöner und 
herzlicher nirgends gefunden. Aus dem von der geistigen Bowogiing der 
Gegenwart ergriffenen Selbstbewusstsein der Frau heraus werden die Probleme 
der Frauenfrage entwickelt und der Weg ihrer Lösung vorgezeiebnet : Aus- 
gleich des alten Prinzips — Forderung tatsächlicher Miinnerrecbte mit 
dem neuen — Raum für das Weibesschicksal. Padaf/oflise/i,' Wurf,; 



Das Erwachen des Geschlechtsbevusstseins 
unO seine Anomalien. 

Eine psychologisch-psychiatrische Studie 

von 

Dr. med. L. M, Kutscher in Hubertusbiir«?. 

Mk. 2.—. 



*«J*- -» rir* 



( 



Verlag von J. F. B ER GM A NN in Wiesbaden. 

Die normalen 

Schwankungen der Seelentätigkeiten. 

Von 

Prof. Jacoho Finzi in Florenz. 

Übersetzt Ton Dr. E. Jentsch in Breslau. 

Mk. 1.— . 

Der Verfasser bat in vorliegender Abhandhing sich die verdienstvolle Aufgabe 
gestellt, den Lider mit den ebenso interessanten, als praktisch wichtigen 
Schwankungen der normalen Seelen tätigk eiten bekannt zu machen. Er 
schildert diu Veränderungen, welche das Seelenleben unter der Einwirkung physio- 
logischer Ursachen (Anregung, Ermüdung, Gewöhnung, Diät, Milieu etc.) erfahrt, 
und zeigt, dass zwischen geistiger Gesundheit und Geisteskrankheit keine Kluft 
besteht, sieliiiehr schon im normalen Seelenleben die Elemente der Geistesstörung, 
wenn auch nur rudimentär, sich finden. 



Das Selbstbewusstsein; Empjinöung und jjejühl. 

Von 

Professor Dr. TIi. Lipps in München. 

Mk. 1.—. 

Der Vi-iiitaser behandelt in vorliegender Arbeit mehrere der wichtigsten 
psy«-lud<>«i.-.i lau Probleme in einer Form, welche auch dem Verständnisse des in der 
Psychologie I »he wanderten, keine Schwierigkeiten bereitet und geeignet ist, sein 
Interesse für den Gegenstand lebhaft anzuregen. 

Im einzelnen bespricht L. unter anderem: den verschiedenen Sinn des „Ich", 
das Ich und den Zusammenhang der Bewusstseinserscheinungen, das Ich als Einheit 
der Emptiin hingen, Vorstellungen etc., „Ich", Gefühl und Empfindungen, die Affekte, 
Unabhängigkeit dpi' Gefühle von Körperempfindungen, das „reale Ich". 

Die Helfende Kritik, in welcher der Autor in seinen Ausführungen die 
Ausichton anderer Autoren unterzieht und die Auffassungen, zu welchen er selbst 
bezüglich ihr einzelnen bebandelten Fragen gelangt, dürften die Beachtung aller 
Jener heau>|.niiheu. welche über die Fortschritte der psychologischen Erkenntnis 
sich oiiiiiiifKii nullen. 

Über das Pathologische bei Nietzsche. 

Von 

Dr. P. J. Möbius in Leipzig, 

Mk. 2.80. 

I, Der ii i .•- p iii ngl ich o Nietzsche: 1. Die Abstammung. 2. Die Persön- 
lichkeit. 
II. I > 1 « - Kiiiiikheit. I. Die Migräne. 2. Die Entwicklung der progressiven 
l'üi.iU-.-. Du« binde. 
fcs c h lu.-».s In- in.- 1 k ii n gen. 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 

Sinnesgenüsse und Kunstgenuss. von p ro f. d,. vm\ Lange 

in Kopenhagen. Nach seinem Tode herausgegeben von Dr. Hans 
Kurella in Breslau. Geheftet Mk. 2.—. Gebunden Mk. 2.70. 

Das Buch bedeutet eine Revolution im Reiche der Ästhetik. Mit einer um- 
fassenden und tiefen Kunstkennerschaft ausgerüstet, die der seines ibuders J u 1 1 us 
Lange gleichsteht, unternimmt es der berühmte Kopenhagen er «Hm «so. die 
gesainte Kunst als eine Summe von Genussmitteln zu betrachten, welehe die direkt 
auf unsere Sinne oder vom Blute aus auf unsere Nerven einwirkenden (lomissmittol 
ergänzen, um dem ewig regen Genussverlangen der Menschen zu umiiisoii. 

In einer meisterhaften, von Geist, Ironie und glühendem Kunst -Knthusiasmiis 
sprühenden Skizziernng der Geschichte und des gegenwärtigen Standes der 
dekorativen Künste (Kunsthandwerk), der Malerei, D 1 <- h t k 11 n s t und 
Bühnenkunst zeigt L., dass andere als diese drei Knnstmittel mehf als heilende 
Kräfte der gesamten Kuustentwieklung zu finden sind. < 

Ein Schlussabschnitt lehnt alles Reden und Schreihon über da* S.hönc- ab. 
Ein einleitender Abschnitt gibt die Physiologie des Onusses. dm auch die des 
Kunstgenusses ist. 

In zahlreichen feinen Einzelbemerkungen werden auch die l»s<. t ul.-teu Knnst- 
mittel der einzelnen Künste hell beleuchtet. Der geistige Reicht >»m •!«»•* \ t'HYtsSors 
verstreut eine Fülle glänzender Apercus, die unser ganzes Kulluibhen l-olmiHiton. 

Dabei ist die Sprache einfach, klar, schmucklos, frei von jedem Versuche, 
durch die Form zu blenden; das Revolutionärste. Paradoxeste wird nnl einer Spinozas 
würdigen Mühe und Bestimmtheit gesagt. 

So haben wir auf wenigen Seiten eine Entthronung aller idealistisch ver- 
schwommenen Ästhetik, den ersten glänzend gelungenen versuch, eilte allgemeine 
Kunstlehre auf physiologischer Grundlage zu geben, gestützt auf dm Iln.mssc hälung 
der allen Künsten gemeinsamen Mittel, und der Nachweise der einl.nb.Mi physio- 
logischen Wirkung derselben. 



Über Entartung. v on Dr. p. j. Moeimis in Leipzig. (Heft ud 

Mk. 1.— . 

Diese Abhandlung ist ein Muster gemeinverständlicher und doch streng 
wissenschaftlicher Behandlung eines Gegenstandes, der in neuerer Zeit zu den wider- 
sprechendsten Urteilen geführt hat. M. bemüht sich vor allem, eine schärfere 
Fassung des Begriffs „Entartung" zu geben, durch welche die anhaltende odiöse 
Nebenbedeutung der Verworfenheit beseitigt wird; nach seiner Auffassung ist Ent- 
artung jede Abweichung vom Typus, welche die Nachkommen schädigen kann. Er 
weist auf. wie man zu einem brauchbaren Maßstäbe kommen kann, von dem aus 
die Abweichungen vom Tvpus speziell auf geistigem Gebiete sich beurteilen lassen, 
und schliesst mit treffenden Bemerkungen über den Verbrechertypiis und das Genie, 
welches letztere, sofern es auf Disproportionalität beruht, auch nach Moobius dem 
Gebiete der Entartung zufällt. 



abnorme Charaktere, von Dr. j. l. a. koch in oannstatt. 

(Heft V.) Mk. !.— . 

Kochs Abhandlung verfolgt den Zweck. Verständnis für die abnormen 
Charaktere, die so oft ungerecht beurteilt werden, zu eröffnen, indem or deren 
krankhafte Natur nachweist. Speziell beschäftigt sich der Verfasser mit den dem 
Grenzgebiete zwischen geistiger Gesundheit und ausgeprägter lioistoskrankheit 
angehörenden abnormen Charakteren im engeren Sinne. 

Buehdruckerei Carl Ritter G.m.b.H., Wiesbaden. 



^W - 



•**«?EjRr 



■TZmt- :#***"■ 



I 



SÖffe 



'»— 



Verlag von J. K BEE8MAN N; in Wiesbaden. 

Über ; ;;das|M • • .: :*■■'. 

Eheli:iÜfilü:ck 



miftJii»i-tvw.ui.„ 



1.4., .',. .jLJWJK ■ ! 



Erfahrungen, ReflexiÖM^i;Bat§cjj|Jge eines Arztes. 

Von Dr. c^^jjl^ 
Zweite Aufiß'^e^ fy^^Wß^SM^V e Ä'iMl 3 e n. 



Preis '^uJf4M'*^ v pp^ 



■* • ■-•&. 



Auszüge jhw [j^espreopnnjjen i 

Ein Missender Praktiker spricht auf Grund, reicher Erfahrungen in diesem 
Werke mit einer Delikatesse, .die ihm ermöglicht, auch die heikelsten Probleme 
zu erörtern. Ein Arzt, der vor allen* Mensch ist ',_ ein Verstehender und Ver- 
zeihender. Das Buch, das jeder Denkende lesen sollte, birgt eine Fülle von 
Beobachtungen und Anregungen und ist wie ein Gespräch mit einenu klugen, 
gütigvu, alten Arzte, dem man sein Herz ausschüttet. Ich wünschte, wir hatten 
recli L viele solcher Ärzte, und ich wünschte, wir -hätten recht vielo derartig 
wertvolle volkstümlich- medizinische Werke. ;.' Die Gegenwart. 

.... liier nun begegnen wir allenthalben tiefgehenden Erörterungen, 
die wir jedoch hier nicht weiter behandeln können, Nur das eine sei hervor- 
gehoben, dass der Verfasser sich überall als ehrlicher und konsequenter Denker 
bewahrt, und auch Ansichten auszusprechen und ZU begründen wagt, die von 
der Uesellsehaft sonst in Acht und Bann getan werden. Dahin gehört z. B., 
wenn der Verfasser keineswegs unbedingt einen Vorteil darin erblicken kann, 
dass auch der Mann „im Stande der. Unschuld'* in .4 je Ehe eintrete. Erstlich 
sei die voreheliche sexuelle Tilgend des Mannes durchaus keine Bürgschaft 
für eheliches Glück und dann ergeben sich aus einem Zusammenkommen zweier 
in diesen Dingen gänzlich unwisaender Menschenkinder zuweilen peinliche 
Verlegenheiten, die gerade das Glück der Flitterwochen bedenklich stören 
können .... Den Schluss seines Buches bilden einige Beispiele glücklicher 
Ehen: Das Ehepaar Barret Browning, Robert und Klara Schuhmann und Lord 
Beaeonslield und seine Gattin. '. -., - ,. ; . Blt7ld. 



Über die Dummheit. 

Eine Ums ch.au 
im Gebiete menschlicher Unzulänglichkeit. 

Von Dr. Leopold Loffwenfeld. 

SptzUlarzt für Nervenkranltbeitea in München. 
Preis kartoniert Mk. 5.—. 






'-3®wW&lwm$. 



%&:■ 







"'Ml'.-';." 



-*-- är## 







Demnächst erscheint 







. ... ,ä«^|; 

Dr. " Karl -Abraham, 



Budapest r^rvE. HlttÄMiMM^^.^lfc^onea, Toronto : Dr. Otto 



sa 

■eelenkundc. 

*•-■>*£.■■■■, 



"1 /?;*■> 

iiWtraäke ;42. und 

zagagasse 21. 



-York; Dr. S. Ferenczi, 






Jaliaaburger, Steglitz^ r 
Professor Augusts di Üfttäl 

.Dr^Älfofik^MädeV K&" " 
• Mater, 7 ÄM'fiOtttff 
SlHgee^leh^^özefff 

iß 



Ättrcftt Drr F. S. Krause, "Wien; 
|rr$v Gustav Modena, Ankona;..-: 
"pii^öWJ'fiioskaii: Dr. OskarV* 
t^ÄidkÜ^,- Zürich; Dr. J. ; K^;;. -. 
tfrf A« l *ßt>gmann, Dresden;^^: ■ 
W^lfien; Dresden. * *?;" ' 






.• 'S* 



« '